Druckschrift 
3 (1891)
Entstehung
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wesen. Jede Nation betrachtet ihre Eigentümlichkeit als ein un-antastbares Heiligtum, jeden Angriff dagegen (gegen ihre Reli-gion, ihre Sprache, ihre Sitte, ja gegen ihr Land rc.) alsein Sakrileg nun und mit vollem Rechte. Denn ihre Existenz istdaran geknüpft. Und gerade so steht es mit der Individualitäteines Menschen. Sie ist er selbst, sie verletzen heißt sein Eigenstesantasten, sie töten heißt ihn töten.

In Verbindung mit der angebornen Individualität steht dieTemperamentverschiedenheit und die Subjektivität. Doch sindbeide nicht identisch mit der Individualität, die mir für dieinnere Ursache der hervortretenden Verschiedenheit erklärt haben.Auch die Anlage zu diesen: oder jenem Temperamente, zu dieseroder jener Subjektivität ist, wenn sie nicht gestört morden, demKinde angeboren; beide aber sind mehr ein Produkt äußerer Ein-wirkungen im weitesten Sinne des Wortes als die Individualität.Sie ist der Kern, jene die Schale. Dieselbe Individualitätwird unter verschiedenen Einflüssen durch dieselben anders tem-periert und modifiziert. Man denke sich ein deutsches Kind »achFrankreich, England, Amerika u. s. w. versetzt oder dort erzogen,es wird ein anderes, als es in: Geburtslande geworden wäre,man mag es wollen oder nicht. Das Temperament wird ein anderes,wie die ganze Subjektivität; die innere Urbestimmtheit, die In-dividualität aber bleibt im wesentlichen, vorausgesetzt, daß sienicht gestört wird, dieselbe.

Nenne» wir Beispiele, wie sich die Verschiedenheit der In-dividualität offenbart!

In dem einen Menschen offenbart sie sich als vorzugsweisetheoretische, in dein andern als praktische Richtung, der eine Knabeist ein theoretischer, der andere ein praktischer Kopf; in dem einenherrscht das Gefühl, in dem andern die Thatkraft vor; der faßtalles mit den: Gedächtnis, er ist eine rezeptive Natur, der anderewird nur befriedigt, wenn er anschaut lind versteht, er ist einselbstthätiger, produktiver Kopf; jener verwandelt alle Vorstellungenin Anschauungen und er faßt sie in Bilder, dieser geht auf all-gemeine Begriffe los und denkt das Allgemeine, und wie sich dietausend und abertausend Verschiedenheiten und Modifikationen