Druckschrift 
3 (1891)
Entstehung
Seite
79
Einzelbild herunterladen
 

79

Was ich damit sagen und was ich damit nicht sagen will,versteht der, der nicht absichtlich mißverstehen und verdrehen will.

Ich leugne weder die Möglichkeit einer erhöhten Stimmungin der Kirche, ich wünsche sie; aber dies sage ich: sie darf nichtmit der Stimmung in: Leben einen direkten Gegensatz bilden,denn sonst wirkt sie nichts, weil sie unnatürlich und gekünstelt ist.

Hierin liegt der eigentliche Grund, warum der bloß auf Ge-wohnheit ruhende Besuch der Kirche so wenig Früchte trägt.Der.gläubig mitsingeude, fleißige Kirchengänger bleibt im Lebender allertrivialste Mensch. Sein Geist versetzt sich in der Kirchein ein Phantasiereich, welches mit dem wirklichen Leben in garkeiner Verbindung steht. Ohne eine in dieser Beziehung in früherJugend ihm eingelebte Gewohnheit, in einem Alter, in welchemer noch nicht denken, nur phantasieren konnte, wäre solches garnicht möglich. Tritt man in eine fremde katholische Kirche, inder man sich dem stillen oder lauten Kultus hingiebt, so vergißtman die ganze Welt, die aber sofort bis auf die letzte Spurwieder verschwindet, sowie man wieder von dem Sonnenlichtebeschienen und von der Luft angeweht wird.

Ein gesunder Mensch dieser Zeit ist in der Kirche derselbewie in seiner Arbeitsstube, wenn auch dort in erhöhter, ge-sammelterer Stimmung und stiller Betrachtung, er vergißt diewirkliche Welt nicht, nicht seine Aufgaben im Leben, er verklärtsie, und (wohlgemerkt!) umgekehrt : er denkt und empfindet zuHause wie in der Kirche, die höheren, wahren, inneren Be-ziehungen verlassen ihn nicht in seiner Werkstätte. Er ist eineinheitlicher ganzer Mensch. Er empfindet nicht religiös in derKirche und gemein zu Hause; er glaübt nicht, religiös zu sein,wenn er singt, das Knie beugt und sich segnet oder betet, oderprofan, wenn er arbeitet und schafft. Auch dieses ist ihm Religion,nicht dadurch, daß er vor der Arbeit einen Augenblick an obendenkt, sonder» der religiöse Sinn steckt in der Arbeit, ist nichtäußerlich drum und dran, sondern die Arbeit selbst, sei siegeistiger oder leiblicher Art, gleichviel, ist ihm Religion, ist selbstReligion.