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Ein Beispiel möge dieses klar machen.
Giebt es eine Urerzeugnng, d. h. eine Entstehung vonPflanzen und Tieren ohne Samen, ohne Eltern? Haben sich dievollkommenen Wesen der Erde ans vorangegangenen unvoll-kommneren entwickelt?
Bis jetzt ist die Natnrforschung nicht soweit gefördert, umdiese Fragen mit Gewißheit zu beantworten. Sie fallen also indas Gebiet der Ahnung, Vermutung, Wahrscheinlichkeit. Aberder Forscher kapriziert sich nicht und sagt: das und das will ichdarüber denken, sondern er untersucht die Natur, fragt die Steine,Pflanzen, Tiere, die Geschichte der Erdrinde, die in ihr sich vor-findenden Überreste ehemaliger Pflanzen und Tiere und bautdaraus seine Vermutungen und Schlüsse. Was diese ihm sagen,das glaubt er einstweilen, bis die Wissenschaft im stände ist,den Glauben zu bestätigen oder zu widerlegen, d. h. das ausGründen Geglaubte oder Nichtgeglaubte in Wissen zu ver-wandeln. Jenseits dieses neuen Wissens beginnt dann wiederein neues Reich des Glaubens und so fort, hoffentlich bis inalle Ewigkeit. Denn des Geistes wahres Leben besteht in ewig-fortschreitender Entwickelung.
Der oben genannte Vorwurf ist folglich ein ganz nichtiger. —
Was nun die Bekämpfung des Aberglaubens betrifft, somüssen wir zugeben — und es geschieht hier ohne allen Rückhalt— daß jede Unvorsichtigkeit, alles unpädagogische Stürmen aufden Aberglauben, ohne alle Berücksichtigung der abergläubischenIndividualitäten, zum Unglauben, d. h. zur Verwerfung allesNichtbeweisbaren führen könne.
Der Aberglaube ist in der Regel mit dem Glauben ver-bunden und verwachsen. Beide sind häufig von denselben Per-sonen auf andere übergegangen. Ich erinnere nur an den reli-giösen Aberglauben, z. B. an den Ablaßkram. Wird nun einTeil dieses Glaubens überhaupt dem Inhaber entrissen, indemer sich von der Unhaltbarkeit desselben überzeugt, so erzeugtdieses in der Regel ein Mißtrauen gegen den ganzen Glaubens-inhalt, das Mißtrauen geht in Bezweiflung über, der Zweifel inVerwerfung auch des Wahre» und Richtigen. Dieses ist ein
Diesterweg, Ausgew. Schriften. 2. Aufl. III. 4