779
Scherf —
Wien. Sein anregender Lehrer, l>r. Karl Reichel,erweckte seine Neigung für deutsche Philologie undSprachwissenschast. Herbst 1858 bezog er die Uni-versität Wien, sodann Ostern die Universität Berlin,wo er srenndliche Aufnahme bei Jakob Grimm fand.1862 erlangte er in Wien die philosophische Doktor-würde; Frühling 1861 erfolgte seiueHabilitation inWien, wo er vom Herbst 1864 an über ältere undneuere deutsche Literatur und Sprache las. NachPfeiffers Tode im Sommer 1868 wurde er ordent-licher Professer für deutsche Sprache n. Literatur inWien. Herbst 1872 wurde er in gleicher Eigenschaftnach Straßbnrg berufen, sowie im Herbst 1877 nachBerlin. Bon seinen Werken sind des. zu erwähnen:Denkmäler deutscher Poesie und Prosa, 1864, 2. A.1873, mitMüllenhoff herausgegeben; Geschichte desElsasses, 1871, 2. A. 1872, mit Lorenz herausgeg.;NotkersPsalmeunachderWienerHandschrift, Straß-bnrg 1876, mit Hcinzel herausgeg.; Deutsche Stu-dien , Sitzungsbericht der Wiener Akademie, Wien1870—74, 2 Thle., enthaltend: Das Leben Willi-rams, Abtes von Ebersberg, nachträglich als Sepa-ratabdruck in Wien (1866) erschienen; Zur Geschichteder deutschen Sprache, Berl. 1868, 2. A. 1878; Bor-träge u. Aufsätze zur Geschichte des geistigen Lebensin Deutschland u. Österreich, ebd. 1874; GeistlichePoeten der deutschen Kaiserzeit, Straßb. 1874, 1.Thl., ebd. 1875, 2. Thl.; Geschichte VerdeutschenDichtung im 11 . und 12. Jahrh., ebd. 1875; DieAnfänge des deutschen Prosaromans, ebd. 1877.
I) Lagai. 2) Löffler. 3) Beyer.
Scherf (Schärf), alte deutsche Scheidemünze, dieHälfte eines Pfennigs, meist vonSilber, dem Pfen-nige an Größe gleich, aber weit dünner, weshalb siescharfe Pfennige genannt wurden; sie hießen auchHahnköpfchcn, Helblinger. Kupferne findensich in Lübeck 1542—1570.
Scherg, Fisch, eine Art Stör, s. Störe.
Scherstenünch,NebenflüßchendesJnnimschwei-zerischen Kanton Graubündcn, durchfließt das Sam-naunthal u. mündet unterhalb Finstermünz.
Tcheria, beiHomer eine große, fruchtbare Inselnordwestlich von Jthaka, Wohnsitz der Phäaken.Hierhin kommt Odysseus zuletzt auf seinenJrrfahr-ten, wird von dem König Alkinoos gastlich anfge-nommen n. von da nach Jthaka gebracht, s.u. Odys-seus. Nach Einigen das jetzige Korfu.
Scherls (arabisch, erhaben, heilig), ursprünglichder Titel der Nachkommen Mohammeds durch seineTochter Fatime; jetzt so v. w. Emir.
Scherr, 1) Ignaz Thomas, schweizer.Schul-mann, geb. 15. Decbr. 1801 zu Hohenrechberg inWürttemberg; widmete sich dem Lehrerberuf u. zwarvorzugsweise der Bildung der Taubstummen undBlinden, wurde 1821 Adjunct am Tanbstummcn-n. Blindeninstitut in Schwäbisch-Gmünd, 1825 Di-rektor des Blindeninstituts in Zürich und gründetedie damit verbundene Taubstummenanstalt; erwürbe1831 in den Erziehungsrath gewählt u. 1832 Di-rector des Lehrerseminars in Küßnacht, in welcherStellung er sehr zur Verbesserung der Volksschulenbeitrug. Da er sich der politischen radikalen Parteianschloß, verlor er infolge der Septemberrevolution1839 seine Stelle und ging nach Winterthur, wo erauf dem Sonnenberg eine Erziehungsanstalt grün-dete, welche er 1843 ans sein Gut zur oberen Hoch-
- 2chcrr.
straße im Kanton Thurgau unweit Konstanz verlegte.1849 wurde er in Thurgau in den Versassnngsrathu. 1852 auch zum Präsident des Erziehnngsrathesgewählt; 1855 legte er seine Stelle nieder, zog sichnach der Hochstraße zurück, lebte dort mit Schrift-stellerei beschäftigt u. st. 10. März 1870 in Emmis-Hofen. Er schr.: Anleitung, taubstumme Kinder zuunterrichten, Gmünd 1825; Win. snr l'iiwtitntionckos'sonrcks st rnnsts. 1831; Elementarsprachbild-ungslehre,Zürich 1831; Schulgrammatik,ebd.1834;Bildungssreund, cbd.1838, 4.A.,cbd. 1856; Hand-buch der Pädagogik, ebd. 1839—46,3 Bde.; Derschweizerische Schul- und Hausfreund, Frauenfeld1860; Pädagogisches Bilderbuch (pseudonym alsChristian Frymann), Zür. 1855 ; mit dem Folgen-den gab er heraus: Gemeinfaßliche Geschichte derreligiösen u. philosophischen Ideen, Schafsh. 1841bis 1843, 2 Bde. 2) Johannes, Literar- u.Eul-turhistoriker,Novellist,Satiriker, geb. 3.Oct. 1817 inHohenrechberg in Württemberg, Bruder des Vor.,ohne dessen großmüthige Unterstützung es ihm nichtmöglich gewesen wäre, die wissenschaftliche Laufbahneinznschlagen. Seine Universitätsstndien (seit 1837)in Tübingen galten der Philologie, Philosophie,Historik, Ästhetik u. Literaturgeschichte. Nachdem er1840 zum Doctor der Philosophie promovirt, ver-vollständigte u. vertiefte er seine Studien und seineMenschenkenntnis) aufNeisen iuDentschland, Italienund Frankreich, wirkte dann einige Zeit an der Er-ziehungsanstalt seines Bruders in Winterthur alsLehrer, ließ sich 1843 in Stuttgart nieder, wo er1844 mit einer aufsehenerregenden Schrift: Würt-temberg im Jahre 1844, in die politische Arena ein-trat, in welcher er große Erfolge zu verzeichnen hat.Die Wahl zum Mitglied des deutschen Rcichsparla-ments lehnte er ab, nicht aber die zum Mitglieddes wllrttcmbergischen Abgeordnetenhauses und desLandesausschusses 1848—49, wo er für Einführungder Reichsverfassnng wirkte u. mit an der Spitze derdemokratischen Partei stand. Ein Polizeidiensr theilteihm vertraulich mit, Laß er am Tage der Kammer-auflösnng (II.Aug. 1849) verhaftet werden sollte.L>. entfloh nach der Schweiz; er wurde in ooubu-maoiaur zu einer 16jährigen Zuchthausstrafe ver-urtheilt. 1850 habilitirte sich S. alsDocent an derUniversität Zürich, zog aber 1852 aus Familien-rücksichten nach Winterthur. 1860 wurde er zurProfessur der Geschichte an das eidgenössische Poly-technikum in Zürich berufen, wo er in vollerRüsiig-keit heute noch die gläuzendstenErfolge Lurch fesselnde,hochgediegene Vorträge erzielt. Hier soll bes. daraufaufmerksam gemacht werden, daß S. schon vor vielenJahren, als noch gar Viele mit dem Feuer lustigspielten, ans die Gefahren des socialistischen Treibensbei jeder Gelegenheit als ein moderner Cato trotzaller desfallsigen Angriffe energisch aufmerksam ge-macht hatte. Nachdem ihm seine erste Gattin, Ma-rie Susanne Kübler aus Winterthur, eine fleißigeVolksschrijtstellerin, im Febr. 1873 durch den Todentrissen worden, fand er vollen Ersatz in der lang-jährigen Freundin derselben, Marie Lllthy aus So-lothurn, mit welcher er sich im Oct. 1874 verheira-thete. Ec lebt seit vielen Jahren ganz zurückgezogen.Schweizerbürger ist er nicht geworden, weil ihm da-ran gelegen war, das deutsche Reichsbllrgerrecht sichu seinen Kindern zu wahren. S. zeichnet sich bes.