Druckschrift 
Bd. 15 (1879) Radegast - Schießscharte
Entstehung
Seite
38
Einzelbild herunterladen
 

38

Rätikon — Rationalismus.

weil er unter väterlicher Gewalt steht, eine gewisseHandlung nur mit unvollkommenem rechtlichem Er-folge vornehmen konnte, später aber er selbst bei ein-getretener Handlungsfähigkeit od. der Vormund od.Baker das Beharren bei dem früher erklärten Wil-len ansspricht, bezw. die nachträgliche Genehmigungerklärt. Lag jedoch ein absolut nichtiges Geschäft vor,z. B. eine nichtige Ehe (nicht etwa eine bloß wegeneincrseitigen Jrrthnms anfechtbare) vor, so hat eineN. keine Wirkung, geschweige eine rückwirkende Kraft.Lothar Seuffert, Die Lehre von der R. der Rechts-geschäfte, Würzb. 1868; Hinschins in HoltzendorffsNechtslexikon 2. A. 1876. B-zold.»

Niitlkon (Rhätikon), Gebirgskette, welche, zwi-schen Lanquart und Jll bis znm Rhein ziehend, denSchweizerkanton Graubiindcn von Borarlberg undLiechtenstein trenntu.inderhöchstenSpitzeScesaplanaeine Höhe von 2969 va erreicht; seine mittlere Kamin-höhe beträgt 2233 m. Bgl. Waltenberger, die R-Kette,Lechthaleru. Vorarlberger Alpen, Gotha 1875.

Natin(Raline), friesartiges, geköpertes wollenesZeug, bei dem die hervorstehenden Haare nicht nachdem Strich gelegt, sondern zu kleinen Zäpfchen ver-einigt sind. Der Stoff wird viel zu Winterpaletotsbenutzt.

Natingen, Stadt im preuß. Negbcz. und Land-kreise Düsseldorf, Station der Berg.-Märk. u. derRhein.Eijenbahn; Armen-u. Krankenhaus, Papier«und Wattenfabrikation, Maschincnschlosserei, Bier-brauerei, Dampssägemühle, Kalksteinbrüche, Eisen-stein-». Bleigruben, Dachziegel- u. Kalkbrennereien;1875: 5310 Ew. In der Nähe das EtablissementKromsord (s. u. Eckamp). R. ist eine der ältestenNiederlassungen im Belgischen, von der Königspfalzzu Kaiserswerth aus gegründet; bereits 1276 erhieltderLrtStadtrechte. Bgl. Kessel, Geschichte der L>tadtR., Köln 1876, 2 Bde.

llatia (lat.), Rechnung, Rechenschaft, Vernunft,Grundsatz, Regel, Art u. Weise, Ursache, Grund; inder Math, so v. w. Verhältniß.

Nation, dietäglicheFourageportion eines Dienst-pserdes; je nach der Quantität der Portionen unter-scheidet man im deutschen Heere schwere, mittlere n.leichte R-en, erstere besteht in 5, die mittlere in 4,^,die leichte in 4,zg ic Hafer, 2,^ Ir Heu u. 3,z ic Stroh.Auf Märschen wird die sog. Marsch-R., bei welchermehr Haser, dagegen weniger Heu u. Stroh gegebenwird, gewährt.

National» Rationell (v. La:.), vernünftig;vernunftgemäß, auf Ergebnissen eigener Prüfung u.vernünftigen Gründen beruhend, daher theils dempositiven, theils dem bloß empirischen u. praktischenentgegengesetzt. N. heißt in der Math, eine Zahl,welche durch die Einheit n. Theile derselben sich voll-ständig ausdrücken oder darstellen läßt; eine Func-tion, wenn in ihr die unabhängig veränderliche Größenicht als Potenz mit gebrochenem Exponenten auf-tritt. Gegensatz: Irrational (s. d.).

Nationalismus (v. lat. Latio, die Vernunft),

1) im Allgemeinen die Maxime, mir das für wahr zuhalten, was in voller Unabhängigkeit von jedwederAutorität der gesunde Menschenverstand als wahr zuerkennen und anzuerkennen vermag; im besonderen

2) in theologischer Beziehung die Denkweise, welchenur das als göttliche Offendarnngswahrheit aner-kennt, was zuvor als menschliche Bernunstwahrheit

festgestellt worden ist. Als wissenschaftlich anerkannte,innerhalb der Kirche geduldete Denkweise hat sichder theologische R. nur innerhalb des Protestantis-mus ausbilden können. Die Anfänge desselben zei-gen sich im 17. Jahrh. bei Spinoza n. Herbert vonCherbury, welcher der Vernunft das Recht zur Prüf-ung jeder als geoffenbart auftretenden Religion zn-sprach. Mit großer Ruhe u. Entschiedenheit vertratdieselbe Richtung Locke, nicht insofern, als ob erdie Thatsache der Offenbarung selbst bezweifelt oderden Satz bestritten hätte, daß Alles, was Gott wirk-lich geoffenbart habe, wahr u. gewiß sei, sondern da-durch, daß er geltend machte, daß jede unmittelbareod. mutelbare Offenbarung dem Menschen nur durchihre Angemessenheit an die Gesetze seines natürlichenDenkens verständlich werden könne, u. daß daherkein sich als geoffenbart ankündigender Satz für wahrgehalten werden könne, welcher evidenten Sätzen zu-widerlaufe. Unter dem Einflüsse Lockes entwickeltesich in England der R. durch eine Reihe von Theo-logen und Philosophen, welche man unter dem Na-men der Freidenker znsammenfaßtu. welche, zumTheil ohne die aufrichtige Frömmigkeit Lockes, nichtnur die einzelnen kirchlichen Dogmen angrifsen, son-dern auch den Begriff der Offenbarung selbst ver-warfen, während die sog. Lsprlts korbs in Frankreichunter dem Einfluß der französischen Philosophie des18. Jahrh. den R. in einen platten Naturalismusu. Atheismus versinken ließen. Der EntwickelungS-gaug des deutschen theologischen R. war ein an-derer. War das sog. Zeitalter der Ansklärung(vonderMitte desl8.Jahrh. an) überhauptgeneigt,das Ansehen althergebrachter Überlieferungen einerPrüfung zu unterwersen, so mußten historische undLogmougeschichtliche Studien, wie sie Seniler, exege-tische Untersuchungen, wie sie I. Anglist Ernesti inGang brachten, philosophische u. allgemein cultur-historische Anregungen, wie sie von Lejstng u. Herderausgingen, nicht nur zu einer freieren Auffassungder kirchlichen Symbole sondern auch zu einer vomSymbol unabhängigen Erforschung des wirklichenSchriftinhaltes führen. Man fing an zwischen demzu unterscheiden, was in der Bibel für geoffenbartzu halten sei u. was nicht; zu dem Letzteren rechneteman das, was in der Bibel entweder zu den erkann-ten Naturgesetzen od. zu anderweit feststehenden hi-(torischen Thatsachen nicht paßte; u. so vollzog sichvon verschiedenen Seiten her ein Proceß der Aus-scheidung dessen, was in der Bibel nur Form derEinkleidung sei n. eine nur bildliche Bedeutung habe,von dem, was in ihr den Kern der geoffenbartenLehre bilde. Einen wichtigen u. weitgreifenden Ein-fluß übte in dieser Beziehung die Kantsche Phi-losophie aus, indem Kant in seiner Schrift DieReligion innerhalb der Grenzen der bloßen Vernunft,den Schwerpunkt des religiösen Interesses in das sitt-liche Moment gelegt u. nur diejenigen Glaubenssätzefür wesentlich u. unentbehrlich erklärt hatte, welchevon der praktischen Vernunft beglaubigt wurden. DerR. hielt zwar mit dieser seine Auflösung des Begrif-fes der Religion in den der Moral die Thatsacheder Offenbarung noch fest, aber er behielt der Ver-nunft das Recht vor, das, was für geoffenbart sollegehalten werden können, nach diesem Maßstabe zubeurtheilen. Der Gegensatz zu dem Supernatura-lismus trat des. seit 1817 bei Gelegenheit des Re-