Druckschrift 
Bd. 10 (1877) Hansen - Jokuhama
Entstehung
Seite
628
Einzelbild herunterladen
 

628

Dermalem.

achse von O. nach W. gerichteten Hauptgebäude mitL Kuppeln, von denen die geräumige und höherewestliche in ihrer Mitte die Grabkapelle birgt;zwischen beiden befindet sich das Katholikon mitder Mitte der Welt. Dem Hauptgebäude schließensich nach S., wo das Hauptportal u. ein romani-scher Glockenthurm, nach O. und N. zum Theilweitläufige Nebenbauten an, welche die den ver-schiedenen Confessionen angehörenden od. nach denLeiden Christi rc. (Verspottung, Geißelung, Kleider-vertheilung, Kreuzerhöhung, Annagelung) benann-ten Kapellen enthalten; doch befinden sich auch imöstlichen Theile des Hanptbaues mehrere Kapellen;im Ganzen zählt man deren 18. Tritt man durchdas Hanptportal im S., so trifft man zunächst aufden sog. Salbungsstein, wo der Leichnam Christiaufgefunden und gesalbt worden sein soll. Nachlinks gewendet, gelangt man direct in die Rotundeder Grabkapelle. Sie wird von 18 Säulen ge-tragen, über denen sich 2 Reihen von Arkadenbefinden; sie hat 20 m Durchmesser u. ist obenoffen. Das Heilige Grab ist ein wenig imposan-ter Bau von 7,g m Länge u. 5,g m Breite. DerRaum ist in 2 Theile abgetheilt, einen vorderen,die Engelskapelle, 5 m lang u. 3 m breit, undeinen Hinteren, die eigentliche Grabkapelle, nur2 m lang u. 1,g m breit. In der Engelskapellebefindet sich der Stein (oder ein Theil desselben),den der Engel von der Grabhöhle Jesu gewälzt;in der Grabkapelle steht der Grabstein Jesu vonMarmor, hier wird täglich Messe gelesen. Inbeiden Kapellen hängt eine große Anzahl vonLampen. Die nach den Leiden Christi benanntenKapellen liegen gleich rechts vom SPortal undwerden unter dem Namen Golgatha znsammen-gefaßt. Dort befindet sich auch das Loch des Kreu-zes und daneben der Spalt, der bis zum Mittel-punkt der Erde reichen sollte. Die meisten derKapellen sind kostbar ausgcschmückt, verschiedenedagegen sehr einfach. An die Grabeslirche knüpfensich eine Menge älterer Traditionen, von denenman verschiedenen auch beim Haram esch-Seherinbegegnet. Während der Ostertage finden sich ausallen Weltgegenden eine große Anzahl Pilger auden heiligen Orten zusammen. Dann findet auchdas von Len Griechen veranstaltete Fest des heili-gen Feuers statt, das vom Himmel herniederkom-men soll. Es gibt dabei stets ein wildes Gedränge,da Jeder, sobald die Priester mit den brennendenKerzen ans der Grabkapelle hervortreten, seineKerze zuerst anznzünden strebt. Verschiedene Maleist es dabei sogar zu Thätlichkeiten gekommen, sodaß das türkische Militär einschreiten mußte undBlut floß. Mit der Grabeskirche eng im Zusam-menhänge stehen die 14 Leidensstationen Christi,von denen 5 in der Kirche selbst, eine von demkoptischen Kloster und die übrigen 9 auf der Viadolorosa liegen, einer Straße, die in östlicher Rich-tung nach dem Ölberge zuführt.

Unter Len übrigen merkwürdigen Gebäuden vonI. ist noch zu nennen die Ciladelle, in der Mitteder nach SW gekehrten Seite der Stadt. Sie istein ans 5 Thürmen unregelmäßig zusammengersetzter Complex, umgeben von einem halbverschüt-teten Graben. Sie stammt, mit Ausnahme desschon oben erwähnten Hippicusthurmes, aus dem

Anfänge des 14. Jahrh. Dieser stand schon z»Herodes Zeit u. führte den Namen Davidsthurmweil man hier die Stelle suchte, wo die Burg Ziongestanden habe. Bemerkenswerth sind noch die1856 an Frankreich abgetretene St. Annenkircht(schon im 7. Jahrh. erwähnt), nördl. vom Haramesch-Scherif, u. der Muristan, ein 1869 an Preu-ßen geschenkter, größtenteils mit Ruinen (Kircheder Maria major rc.) bedeckter Complex in derNähe der Grabeskirche; endlich südlich von diesergelegen die Armenische Kirche u. das armenischeKloster mit weitläufigen Gartenanlagen. Die In-den haben mehrere schöne Synagogen.

Eine der größten Merkwürdigkeiten in den Um-gebungen von I. sind die z. Th. sehr ausge.dehnten und kunstreich ausgeführten Felsengräber,so im N. die Königsgräber, im O. auf dem süd-lichen Gipsel des Ölberges die Prophetengräbern. im S. eine ganze Reihe im Hinuomthal, wor,unter auch Hakeldama. Die meiste Anziehungs-kraft übt jedoch auf den Besucher der Ölbergmit seinen Erinnerungen ans der LeidensgeschichteJesu aus. Am Fuße desselben im Kidronthale(Wadi Sitti Mariam) liegt zunächst die Grabkircheder heiligen Jungfrau mit ihren ausgedehnten,10,g m tiefen Grottenbauten. Der Bau soll ausdem 4. Jahrhundert stammen, die Kirche wurdejedoch von den Persern zerstört und in der Mittedes 12. Jahrh. von Melisendis, Gemahlin desKönigs Fulco, neu gebaut. Einige hundert Schrittedavon entfernt liegt der Garten Gethsemane mitmehreren uralten Ölbäumen, die jedoch nicht anSder Zeit Jesu stammen können, da die Kreuzfah-rer um ganz I. kein Holz auffanden. Hier istbekanntlich der Ort, wo Jesus gefangen genom-men wurde, um vor Gericht geführt zu werden.Der Ölberg selbst besteht aus 3 von N. nach S.einander folgenden Gipfeln, von denen der im N.830, der mittlere 804 m ü. d. M. hoch ist. Die-sen nennt die Tradition (im Widerspruch mit derBibel, Luc. 24, 50) als den Orr, wo Christusgen Himmel gefahren sei. Es wurden infolgedessen verschiedene Bauten aufgeführt, die jedochim Laufe der Zeit wieder verschwunden sind. Derjetzige Bau (im mohammedanischen Besitz) zumGedächtniß an dieses Wunder rührt aus den Jah-ren 1834—35 her. Er besteht aus einem acht-eckig ummauerten Raum, in dessen Mitte ein Lei-nes Oktogon sich befindet, die Stelle, von der dieHimmelfahrt ausgegangen sein sollte; in einerMarmorplatte zeigt man eine Fußspur Jesu. Vondem Minaret des nahen Derwischklosters eröffnetsich eine herrliche Rnndsicht westl. auf die Stadtnnd östl. nach dem 50 Lm entfernten und etwa1250 m unter diesem Standpunkte gelegenenTobten Meere zu. Der südliche, Gipfel des Ol-berges ist der sog. Berg des Ärgernisses. I«Kidronthale zeigt man die Gräber von Absalo»,Zacharias u. Josaphat, ferner die intermittirendeMarienquelle (heberartiger Abfluß einer Cisterne)den nie versiegenden Hiobsbrunnen. Südöstl. vorI. trifft das Kidronthal mit dem schon erwähnte»Hinnomthal zusammen, das sich in einem Bogennordwestl. um die Stadt zieht. In demselben liegtder Birket es Sultan, ein durch 2 Absperrung-«mauern in das Thal gebautes großartiges Basst»,