Druckschrift 
Bd. 7 (1876) Eckzähne - Ferdinand
Entstehung
Seite
176
Einzelbild herunterladen
 

176

Eiszeit.

herausgebildet. Waren somit auch in dieser Hin-sicht der Gegenwart ähnliche, das organische Lebenbeeinflussende Verhältnisse vorhanden, so wäre umso weniger eine Grenze des tertiären Zeitalterszur Jetztwelt vorhanden, wie es im S. der Erde auchfactisch der Fall ist, wo in der Thier- n. Pflan-zenwelt (Nen-Seeland und Australien) noch ganzder Charakter des Tertiärs erhalten ist, wennnicht im N. eine weit über dis jetzigen Grenzender polaren Schnee- und Eisfelder siidl. hinans-gehende Vereisung, d. sog. E., die jetzigen quar-tären Bildungen von denen des Tertiärs getrennthätte. Europa bildete damals eine langgestrecktevon O. nach W. ausgedehnte Insel, indem diejetzigen »ördl. Küstenländer dieses Continentes,also vornämlich Holland, NDeutschland, Däne-mark, Polen u. NRußland unter Wasser standen.Ebenso war es mit dem größeren Theil von N-Amerika. Die damalige Küstenlinie verlief vondem Punkte, wo die Stadt Baltimore liegt, inwestl. Richtung bis zum Mississippi, wendete sich,parallel dem Felsengebirge laufend, nordwestl. n.erreichte nahe der Grenze des früheren russischenAmerikas das Eismeer. Die nördl. n. östl. vondieser Linie befindlichen Territorien waren mitAusnahme weniger als Inseln hervorragenderisolirter Punkte circa 1000 rn vom Meere über-fluthet. Der Charakter dieses Meeres war der einesEismeeres; Gletscher schoben sich von den Gebir-gen bis in das Meer und ihre mit Schutt undFelstrümmern beladenen Bruchstücke trieben alsEisberge davon. Wind und Meeresströmungenführten sie aus Untiefen, Sand und Gesteiubruch-stiicke des Meeresboden froren in ihre Unterseitefest n. mit dem eingefrorenen Material glättetensie zu anderen Untiefen getrieben den Untergrundoder sägten Rinnen in denselben hinein, bis sienach langer Irrfahrt in südlicheren Breiten stran-deten und ihre nordischen Schuttmassen, darunteroft Blöcke von gewaltigen Dimensionen, auf denBoden des Meeres fallen ließen. Der S. desheutigen nordamerikanischen Kontinents tauchteebenfalls erst später über den Wasserspiegel eineswie es scheint eisfreien Meeres. Der AtlantischeOcean und das Wasser des mexikanischen Meer-busens bedeckten die heutigen Küstenzonen undletzteres scheint über einen großen Theil von Cen-tral-Amerika hinweg in Verbindung mit dem StillenOcean gestanden zu haben. Die weiten Steppendes asiatischen Rußland zwischen Altai und Uralwaren von dem Meere der E. bedeckt u. es existirteeine Wasserverbindung durch das Schwarze Meermit dem Mittelländischen Meere. Das die nörd-lichen Küstenländer Europas überfluthende diluvialeEismeer verlies mit seiner südl. Küstenlinie vondem nördl. Ende des Ural in südwestl. Richtungbis nach Tula, ging durch das übrige Rußlandu. Polen, den Sudeten u. dem Riesengebirge ent-lang, bildete zwischen dem Lausitzer n. Erzgebirgeeinige nach Böhmen hineinragende Buchten, zogsich am Fuße des letzteren fort, umschlang Thü-ringen n. wendete sich in nordöstl. Richtung nachdem Harz, ging an dessen Nordrande herum, danndurch das südl. Hannover, durch Westsalen u. insüdwestl. Richtung bis in die Gegend von Bonn,von wo aus sie durch Belgien nach Calais ver-

lief. Auch ans diesem Meere schwammen Eis-felder n. Eisberge umher u. überstreuten den Bo-den desselben mit Felstrüinmern. Diese errati-schen Blöcke od. Findlingsblöcke NEuropas,lassen durch ihre mineralogische Beschaffenheit dasdamals als Insel hervortretende Skandinavien u.Finnland als den Mittelpunkt ihrer Vertheilung er-kennen, von wo ans sic radienförmig über die nord-europäischen Flachländer zerstreut worden sind.Ihre verticale Verbreitung geht bis zu 260 in, jasogar wie in Oberschlesien n. in der Umgegend vonGoslar bis zu 300 rn Seehöhe. Das Materialdieser nordischen Findlinge sind theils versteiner-nngsführende Kalke u. Lhongesteine, theils kry-stallinische Feldspathgesteine, vorzugsweise Gneiß,Granit, Diorit, Hornblendeschiefer, Syenit, Felsit-Porphyr, Hypersthenit, Quarzit u. andereFelsarten.Des schönen Materials n. ihrer zuweilen giganti-schen Größe wegen rc. sind die erratischen Blöcke oftzu monumentalen Gegenständen verwerthet wor-den. Die Säule Peter d. G. steht ans einem Gra-nitblock von 30,000 Ctr. Schwere u. die Granit-schale vor dem Museum in Berlin hat einen Durch-messer von 7,g m, sie wurde aus dem größten derbeiden Markgrafensteine gefertigt, welcher auf denRanenschen Bergen bei Fürstenwalde lag u. 8 mans dem Boden ragte; der große Stein bei Belgardin Pommern ist 14 na lang, 12 na breit u. 5 mhoch. Unter den versteinernngsführenden Geschie-ben sind vorherrschend silurische aus Schwe-den und den russischen Ostseeprovinzen stam-mend; devonische aus Livland, jurasische aus denGegenden zwischen Oder- u. Njemenmündung, derKreide angehörige Geschiebe (Feuersteine) sind vonRügen u. den dänischen Inseln aus verschwemmtworden. Ans dem Tertiär stammen die Stern-berger Kuchen, verkieselte Hölzer und Bernstein.Die erratischen Blöcke u. Gescyiebe finden sich ammassenhaftesten in einer meist nur 1 m mächtigenLoch auch bis zu 100 na anschwellenden Sandschichtwelche nach unten zu in eine 7—10 in mächtige Thon- oder Mergellage mit weniger zahl-reichen Blöcken übergeht. Die unterste Lage dervom Dilnvialmeer abgesetzten Schichten wird voneinein feinen an Feldspathkörnern reichen Sandegebildet, welcher gewöhnlich frei von nordischenGeschieben ist n. eine Durchschnittsmächtigkeit von5—7 m besitzt, doch auch weniger als Im mächtiganftritt. Vereinzelte marine Reste ans der Zeitdes Absatzes dieser Schichten haben sich bei Brom-berg n. Thorn gefunden (Oaräinna sckuls u. Lno-oiunm rstionlntum), häufiger finden sich in denDiluvialmergeln Süßwasserconchylien, so nament-lich kuluckins. ckilnvinnn, welche bei Berlin, Spe-renberg, Magdeburg u. Halle a. d. Saale gefun-den wurde. Die Driftformation, welche auf denwährend der E. vom Meere 300—400 m hoch bedeck-ten Theilen NAmerikas zum Absatz gelaugte, be-steht ebenfalls vorzugsweise ans Sauden, Kies u.nordischen Blöcken, letztere zuweilen die giganti-sche Größe von 1000—1500 obm erreichend, wäh-rend versteinerungsführende Geschiebe fehlen. DieDiluvialablagerungen bedecken aber nicht allein dieniedrigeren Territorien in ganz Canada, Michigan,Wisconsin, Pennsylvanien, Ohio, Indiana, Illinoisn. a., sondern erreichen an den Green Mts. eine