und dann können sie nicht mehr die Kriterien für besondere Kunstformenabgeben, sondern es könnte überhaupt nur eine Kunst, die Poesie, epistiren
— oder jenes dritte Moment bildet neben Auge und Ohr ein besonderesOrgan der Sinnlichkeit, dann hätten letztere beiden überhaupt keineideelle Bedeutung: eine Alternative, die nach beiden Seiten einen Wider-spruch enthält. Ebenso verhält es sich mit dem Unterschiede der „bilden-den", „empfindenden" und „dichtenden Phantasie." Auch hier ist voneiner logischen Koordination keine Rede.
Was aber den Mangel an Ausbildung der Mimik als Kunst betrifft
— ein Mangel, der, wie gesagt, allein der Grund ist, daß man sie nichtzwischen Musik und Poesie als gleichberechtigte Kunstgattung einzureihenwagte — so erklärt sich derselbe einfach aus dem Umstande, daß mansowohl für die Musik wie für die Poesie ein Mittel erfunden hat, diein der Zeit vorüberfließenden Productionen derselben — durch die Noten-und die Buchstabenschrift — zu fipiren; was für die Mimik bishertrotz aller, schon früher angestellter Versuche nicht gelungen ist. „DemMimen flicht die Nachwelt keine Kränze", dieser Satz gilt daher nicht bloßfür die Schauspielkunst, die sich neben der musikalischen (recitatorischen)auch der mimischen Darstellungsmittel bedient, sondern auch für die mimi-sche Darstellung im engeren Sinne als bewegte Plastik (z. B. im Cha-raktertanz). Allein man überlege doch einmal, auf welchem Standpunktunsre Poesie und Musik stehen würden, wenn sie jener Fixirungsmittelebenfalls entbehrten; d. h. wenn wir von den Werken eines Sophokles,Homer, Shakespeare, Goethe u. s. f., eines Haydn, Beethoven, Mozartu. s. f. nichts weiter wüßten als etwa die Namen ihrer Verfasser! Wärennicht Musik und Poesie, bei gleichem Mangel an Fixirung ihrer Pro-ductionen, in der gleichen Lage wie die Mimik, nämlich sich auf die Im-provisation, bezüglich auf die Tradition beschränken zu müssen? Mitandern Worten: würden wir, wie von der echten Mimik nur noch dieNationaltänze und Pantomimen übrig geblieben sind, von der Musik undder Poesie mehr besitzen als Volksmelodien und Volkslieder? Und end-lich: wenn es auch richtig ist, daß die letzteren beiden Künste durch jenenVortheil der Fipirungsmöglichkeit in ihrer Entwicklung sich weit überdie Mimik erheben konnten, darf dies für die ästhetische Wissenschaft einGrund sein, um das echt künstlerische Wesen der Mimik zu verkennenund sie darum überhaupt aus der Reihe der Künste zu streichen? Mansetze andrerseits z. B. den Fall, daß von der gesummten antiken Plastik
— dieser parallelen Schwesterkunst der Mimik — keine Spur übrig