Württemberg. 655
Im Hauptlande hatte Eberhards Hl. fünfterSohn,..Wilhelm Ludwig, bei dem Kriege zwi-schen Österreich u. Frankreich strengste Neutralitätbeobachtet, aber dadnrch seinem Lande die Last derTruppenzüge u. neue Schulden nicht ersparen kön-nen; er st. 23. Juni 1677, n. ihm folgte sein ein-jähriger Sohn, Eberhard Ludwig, unter derVormundschaft seines Oheims Friedrich Karl undseiner Mutter Magdalena Sibylla. Diese betheilig-ten sich an Lein Kriege zwischen Frankreich u. Öster-reich, da Ludwig XIV. Mömpelgard mit Deszenden-zen mit Frankreich „reuniren" wollte, u. W. wurdenun 1688 theilweisc von den französischen GeneralenMonclar und Melac und 1692—93 vom Heere desDauphins verheert. Da der thatkrästige HerzogFriedrich Karl bei Otisheim 17.Sept. 1692 gefan-gen wurde, so erklärte der Kaiser 20. Jan. 1693 denjungen Herzog für majorenn. Im Juni 1696 tratEberhard Ludwig dem großen Bunde gegen Frank-reich bei, Mai 1697 kam er in die Reichsdepntationfür den Frieden. Seinem Rathe Knlpis u. ihm gelang es in Ryswick nicht, Entschädigung für seineVerluste zu erhalten u. in Mömpelgard erlaubtensich die Franzosen die frechsten Eingriffe. Trotzdemumgab sich Eberhard Ludwig mit einemprachtvollenHofstaate, Leibwachen n. machte kostspielige Reisen.Als kaiserlicher Fcldmarschalllientenant nahm er1702—13 mit seinen Truppen an dem SpanischenErbsolgekriege Antheil; die Kosten dafür wurdendurch die Erwerbung der bayerischen Herrschaftf Wiesensteig u. die unbedingte Zurückgabe Mömpel-st gards erbärmlich ersetzt; selbst Wiesensteig mußtest 1714 an Baden heransgegebcn werden. Mit seinenst Ständen kam der Herzog bald in Zwist, zumal erst seine Truppen nach dem Frieden bcibehielt. Mehr>i als alle Kriege zerrüttete W. seit 1706 ein Weib:
^ die Grävenitz (s. d.), nachmals Gräfin von Urach,um deretwillen der sinnliche Herzog seine Gemahlin,eine Prinzessin von Baden, mißhandelte u. verließ.Erst 1731 wurde W. von diesem Weibe frei, dasunsägliches Elend u. Demoralisation über das Landj i gebracht. Der Herzog stiftete 1686 das Gymnasium! in Stuttgart und 3. Nov. 1702 den St. Hnbertns-! orden, bemühte sich umSchiffbarmachnng desNeckarS,
! errichtete das geheime Cabinet rc. Auch unter ihmf wuchs W. durch heimgefallene Lehen rc. EberhardLudwig st. 31. Oct. 1733; ihm folgte sein Netter,Karl Alexander, der Sohn Friedrich Karls vonder Winnenthaler Linie (s. oben). Karl Alexanderhatte sich als Feldmarschall in österr. Diensten gegendie Türken u. Franzosen ausgezeichnet, war aber1712 aus politischen Gründen zur Katholischen Kircheübergetreten. Er sichcrtezwardieFreiheit der Evan-gelischen Kirche durchRevcrsalien u. ließ die.Religions-angelegenheilen durch den geheimen Rath unab-hängig verwalten, war auch bemüht, die Angerisse-nen Mißbräuche abzustellen; aber er vermehrte seinHeer bis ans 18,000 Mann, nahm die Stelle alsKaiser!, n. NeichsgeneralfelLmarschall an, suchte >>chauch der Mitwirkung der Stände ans alle Weise zuentledigen u. brachte bes. das Land dadurch gegensich auf, daß er den Inden Süß-Oppenheimer zuseinem Finanzminister mit fast unumschränkter Ge-walt ernannte u. dieser W. in jeder Weise bestahl.Schon bildeten sich unter den Ständen Verbindun-gen gegen ihn u. Süß-Oppenheimer, als er Plötzlich
in Ludwigsbnrg am 12. März 1737 am Schlagestarb. Ihm folgte sein ältester ncnnjähriger SohnKarl Eugen unter derBormnnLschafl LesHcrzogsKarl Rudolf von W.-Nenenstadt, der Süß-Oppen-heimer 4. Febr. 1738 henken ließ u. dessen Spieß-gesellen streng bestrafte, aber schon Ang. 1738 dieVormundschaft dem Herzog Karl Friedrich von W.-Oels abttat. Die Stände übernahmen 18. April1739 2 Mill.Gulden an denKammerschnldcn Eber-hard Ludwigs u. erhielten dagegen die Zusage derAbstellung ihrer Beschwerden. Am 23. März l744schon trat der junge Herzog Karl Engen auf preu-ßische Vermittlung hin die Regierung selbst an -Friedrich der Große stellte ihm in einem Fürsten-spiegel seine Pflichten dar —; obgleich der Herzogaber 1748 die Streitigkeiten wegen Mömpelgardschlichtete, 1751 die Herrschaft Justingen kaufte u.1752 seine Zwistigkeiten mit der Neichsritterschaftverglich, so gab er W. doch bald Grund zu großemMißvergnügen durch sein absolutistisches Ncgiernngs-system, die Haltung eines gleichviel wie znsammeu-gebrachten großen Heeres, eine prunkvolle Hofhalt-ung. kostbare Oper n. Schauspiele, Ballete, Jagden,große Bauten (er baute die Lustschlösser «sotitude n.Hohenheim, verschönerte Ludwigsbnrg und Stutt-gart), weite Reisen, ausgebrcitete Maitressenwirth-jchaft, die Verfolgung patriotischer Männer (na-mentlich I. I. Mosers), wozu ihm seit 1756 seinegeheimen Räthe Montmartin u. Rieger behilflichwaren. Die dadnrch entstandene Finanzverwirrungvermehrte noch die Betheilignng W-s am Sieben-jährigen Kriege an der Seite Frankreichs u. bannder Reichsarmee, u. als auch nach dem Frieden dasHeer fort erhalten u. die Verschwendung weiter ge-trieben wurde, Recht und Gerechtigkeit anshörten,wandten sich die Stände 1764 an die Höfe vonWien, Berlin, Lonüonn.Kopenhagen mit der Bitte,den Herzog zur Unterlassung seiner Uebergriffc, dieauch die evangelische Kirchenversassung schwer be-rührten, zu vermögen. Unter Vermittelung despreußischen Gesandten, GrafenSchulenburg-Wolss-bnrg, kam denn auch 27. Febr. 1770 der Erbver-gleich zu Stande, in dessen Folge der Herzog dieLandesvcrträge und Freiheiten wie die Rechte derEvangelischen Kirche bestätigte, seinen GünstlingMontmartin 1773 entließ, seine Truppen bis ans4000 Mann abdankten.seineAnsgaben beschränkte,wogegen die Stände über 4 Mill. Gulden Privat-schnlüen anfdie Landeskässen übernahmen. Hungers-noth u. Thenerung im Lande 1770 u. 1771 bewogviele W-er zur Auswanderung nach SRußlano.Der Herzog schränkte von jetzt an seinen Aufwandimmer mehr ein u. verwendete das Geld auf nütz-liche Anstalten. So stiftete er 1770—73 die hoheKarlsscbnle, vermehrte die Hofbibliolhek u. erwei-terte die 25. Juni 1761 gestiftete Akademie derschönen Künste. Endlich legte er 1778, an seinem50. Geburtstage, in einem öffentlichen Manifestedas Gestäudniß ab, bisher in seiner Regierung vieleMißgriffe gethan zu haben und versprach seinenUiuerthanen von nun an mit mehr Umsicht zu re-gieren. Wirklich hielt er das Versprechen redlich,unterstützt von der edeln Franziska von Hohenheim,seiner Gemahlin, legte Fabriken an, hob den Berg-bau, begünstigte Ackerbau u. Viehzucht, besserte dieJustiz u. Polizei, schützte Wissenschaften u. Künste,