Bilder aus dem Leben Karls des Grossen.
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"Die Düsseldorfer Schule hat in dem halben Jahrhundert ihres Bestehens nureine massige Anzahl von monumentalen Werken hervorgebracht. Nicht wie in Münchengefördert von einem königlichen Mäcen, waren die Düsseldorfer Maler durchaus aufdas Publikum angewiesen, welches ihren Arbeiten zwar einen lebhaften Beifall undgrosse Gunst entgegenbrachte, ihrem Wirkungskreise aber nothwendig engere Grenzenziehen musste. Trotz dieser ungünstigen Verhältnisse jedoch hat die Schule einigegrössere cyclische Werke geschaffen, welche zu den besten monumentalen Schöpfungender neuern deutschen Kunst gehören und derselben in der heimischen Provinz einruhmreiches Denkmal bilden. Das bedeutendste darunter ist unstreitig der Bilder-cyclus aus dem Leben Karls des Grossen im Rathhaussaale zu Aachen.
Unter manchen Hindernissen entstanden, aber trotz aller Schwierigkeiten glücklichzu Ende geführt, wenn auch theilweise nicht von der eigenen Hand des Meisters,haben die historischen Frescogemälde des Aachener Rathhauses erst den enthusiastischenBeifall eines kleineren Kreises von Künstlern und Kunstkennern, bald aber die all-gemeinste Anerkennung und Bewunderung gefunden, selbst die Kritik rivalisirenderfremder Schulen hat sie an die Seite von Cornelius' grössten Werken gestellt undgerühmt als eine der besten Leistungen der deutschen Kunst. Die Originalität undTiefe der Auffassung, der ganz eigenthümliche Charakter der Form, vor Allem aberdie mächtige künstlerische Persönlichkeit, die sich darin ausprägt, geben Rethel'sBildern einen ganz besonderen Werth und zeichnen sie vor allen ähnlichen Arbeitenaus. Es ist gewissermassen die ganze Summe eines Künstlerlebens darin niedergelegt.Der Meister, der sie schuf, hat seine ganze Künstlerkraft, eine hohe Begeisterung undein gereiftes Talent an diesen Bildern verwandt, die, wie sie sein Hauptwerk waren,leider auch sein letztes Werk sein sollten. Nur die Hälfte der Bilder konnte er mit eige-ner Hand ausführen, da ereilte ihn ein trauriges Geschick; unheilbare Krankheit umnach-tete seinen Geist, bald folgte der Tod; er hat sein grosses Werk nicht vollendet gesehen.
Aber die Fortführung desselben war guten Händen anvertraut. Mit der gewissen-haftesten Künstler- und Freundestreue hat Rethel's Genosse, Joseph Kehren, diezweite Hälfte der Wandgemälde nach Rethel's Entwürfen vollendet, ohne doch deshalbdie eigene künstlerische Persönlichkeit ganz aufzugeben. So ist das Ganze zwar auseinem Geiste entsprungen und in einem Gedanken durchgeführt, in der malerischenAusführung aber erkennen wir zwei künstlerische Kräfte; zeichnen sich die vonRethel selbst gemalten Bilder durch eine grossartige Einfachheit und Schlichtheit dermalerischen Erscheinung aus, so sind dagegen die aus Kehren's Hand hervorge-gangenen in malerischer Beziehung seltene Beweise von technischer coloristisckerVollendung.
Dass eine so umfassende und bedeutende Arbeit ausgeführt werden konnte, isthauptsächlich dem rheinisch-westphälischen Kunstverein zu verdanken. Als im Jahre1840 der Gemeinderath von Aachen die bauliche Wiederherstellung des Rathhausesbeschloss, erbot sieh der Kunstverein für die malerische Ausschmückung des grossen
Kaisersaales zu sorgen. Er schrieb 1841 eine Concurrenz aus und Alfred Rethel,damals in Frankfurt a. M., trug den Sieg über seine Mitbewerber davon. Seine Zeich-nungen waren in der That so originellen und grossartigen Characters, dass die Wahlkundiger Beurtheiler auf sie fallen musste.
Aber es verging noch geraume Zeit, ehe die Ausführung der trefflichen Entwürfebegonnen werden konnte. Meinungsverschiedenheiten, den Bau betreffend, Hessen dieAusführung der Malereien hinausschieben, stellten sie sogar in Frage. Erst im Jahre1846 wurde die Baufrage definitiv entschieden und Rethel konnte mit den Cartonsund im Jahre darauf mit der malerischen Ausführung beginnen. Er malte in diesemJahre das kleinere Bild „Kaiser Otto in der Gruft Karls des Grossen". 1848 vollen-dete er das zweite Bild „Der Sturz der Irmensäule". „Die Saracenenschlacht" ward1849 begonnen, jedoch erst im nächsten Jahre vollendet und in diesem sowie im fol-genden Jahre wurde „Der Einzug Karls in Pavia" ausgeführt. Es ist das letzte Bild,welches Rethel selbst in Fresco ausgeführt hat; zu der „Taufe Wittekinds" hat er nochden Carton gezeichnet, dann erfasste ihn die Krankheit, die ihn zu seinem Ende führte.
Alfred Rethel ist am 15. Mai 1816 in Aachen geboren, es ist somit seineVaterstadt, für welche er seine grosse Arbeit, die ihm ein ruhmreiches Gedächtnissin der Geschichte der deutschen Kunst sichert, geschaffen hat. Er war ein ungemeinfrüh entwickeltes Talent. Bereits im Jahre 1829 Schüler der Academie in Düsseldorf,hat er schon 1833, also in einem Alter, wo andere Jünglinge kaum ihre acadeinischenStudien zu beginnen pflegen, unter Schadow's Leitung ein grösseres selbstcomponirtesGemälde ausgeführt. Im Jahre 1836 vertauschte er die Düsseldorfer Academie mitder Frankfurter Schule. Dort nun entwickelte er sein Talent in der ihm allein eigenenArt. Eine Keise nach Italien vervollständigte seine künstlerischen Anschauungen, dochist der Einfluss derselben in seinen Werken kaum zu spüren. 1849 nahm Rethelseinen dauernden Wohnsitz in Dresden, wo er sich 1851 unter den glücklichstenAussichten verheirathete, aber schon im folgenden Jahre zeigten sich auf einer zweitenReise in Rom die Anfänge der unheilbaren Gehirnkrankheit, welcher er am 1. December1859 zu Düsseldorf unterlag.
Was Rethel's Werke von denen seiner Zeitgenossen besonders unterscheidet, istihre ausschliessliche Richtung auf das Characteristische. Er schliesst sich dadurch aufdas Engste an die alten deutschen Meister, besonders an Dürer und Holbein, an,deren Einfluss in manchen seiner Arbeiten nicht zu verkennen ist. Ganz verschiedenvon den Idealisten der romantischen Kunstperiode strebt er alle seine Gestaltungenauf das Schärfste zu individualisiren, selbst bis zur Härte und bis zum Absonderlichenund Bizarren. Am meisten geistes- und charakterverwandt mit Cornelius, unterscheideter sich von diesem hauptsächlich durch die Wahl der Stoffe, die er behandelt. Rethelhat sich fast ausschliesslich der Darstellung geschichtlicher Begebenheiten gewidmet,und fasst sie, im Vergleich mit unseren anderen Meistern der Historienmalerei, in einerbeinahe realistischen Weise auf. Es führt ihn dieses bei seinen einzelnen Gestalten
durch das Bestreben sie ganz zu individualisiren und auf das Strengste zu characterisiren,oft bis zur Härte und an die Orenzen des künstlerisch Schönen, doch herrscht in derGesammtheit seiner Darstellungen immer ein grosser Styl: die höchste Einfachheit unddie Beschränkung auf das durchaus Nothwendige. Nirgend ist eine bedeutungslosePhrase in seiner Erzählung. Die knappe Composition seiner Gemälde ist immer wohlangeordnet, die Gruppen trefflieh abgewogen, aber niemals opfert er einer äusserlichenSchönheit der Linien und Formen die innere Bedeutung auf; seine Formen sind, wieseine Gedanken, streng und bestimmt. Die Zeichnung hat häufig eine Schärfe undHerbigkeit, wie man sie bei Dürer findet; er liebt wie jener eckige und markirteFormen, er zeichnet mit fester Hand in scharfen Linien; wie ein Erzähler, der sichder äussersten Kürze befleisst, aber deswegen besonderen Nachdruck auf seine Sätzeund Worte legt, so malt Rethel seine Geschichtsbilder.
Auch sein Colorit ist diesem Character entsprechend. Das grössere Publikum -warAnfangs über die Farbe seiner Bilder betroffen, und sehr ungerechte und voreiligeKritiken sind darüber laut geworden, bis man sich bewusst wurde, wie sehr diesesColorit mit dem ganzen Character seiner Auffassung im Einklänge war. Unscheinbarist es, grau und wenig glänzend, aber gerade wie sich die Zeichnung überall aufdas Characterisirende beschränkt, so beschränkt sich auch die Farbengebung dar-auf: sie genügt den Gegenstand zu Gesicht zu bringen, in eindrucksvoller Weiseeinzuprägen; mehr beansprucht sie nicht. Dass Rethel's Compositionen auch mitden Mitteln des vollkommensten Colorits und der ausgebildetsten Technik darge-stellt werden können, beweisen die von Kehren malerisch ausgeführten Bilder, aberihre grössere coloristische Vollendung und Steigerung nimmt seiner verhältnissmässigunscheinbaren Malerei nichts von ihrem Werthe, und dieser Werth liegt in der Harmoniederselben mit dem ganzen Gedankengange des Künstlers: es ist, wie schon gesagt,die bestimmte Persönlichkeit des Autors, die sich in diesen Bildern ausprägt, unddamit den Eindruck hervorruft, den jede Aeusserung einer bedeutenden hochbegabtenIndividualität auf uns macht.
Die Nachbildungen, welchen diese Zeilen als Begleitung dienen, sollen ein grossesWerk neuerer deutscher Kunst in weitere Kreise verbreiten. Sie wurden den bestenHänden anvertraut. Joseph Kehren hat die von ihm ausgeführten Bilder gezeichnet,A. Baur die, welche Rethel selbst gemalt hat. Beide Künstler haben mit einergrossen Pietät die Originale ganz im Geiste und in der Weise Rethel's wiederge-geben und keine Art der reproducirenden Kunst eignete sich so sehr wie der Holz-schnitt dazu, Rethel's eigenste Weise zu übersetzen. Diese in jeder Beziehungmeisterhaften Zeichnungen wurden photographisch auf Holz übertragen und in derxylographischen Anstalt von R. Brend'amour in Düsseldorf in einer vortrefflichenWeise ausgeführt.
Der rheinisch-westphälische Kunstverein setzt sich durch die Herausgabe dieserBlätter ein bescheidenes Denkmal seiner kunstfördernden Thätig-keit.