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Bilder-Cyclus aus dem Leben Karls des Grossen : Fresco-Gemälde im Krönungssaale zu Aachen ; der Kunstverein für Rheinland und Westfalen seinen Mitgliedern für das Jahr 1869/70
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"bglcich die Begebenheiten Karls de« Grossen in der Geschichte des Mittelalters

eine sehr helle Periode bilden, hat in den darauf folgenden dunkeln Zeiten die Sageeinen reichen Kranz darum geflochten und die ritterliche Poesie, die romanische, wiedie germanische, hat sie umbildend verklärt. Zwischen der immer schärfer sich tren-nenden deutschen und französischen Nation, von beiden als nationaler Held beansprucht,steht die Gestalt des ersten nichtrömischeu römischen Kaisers da, zugleich demmodernen Bcwusstsein nahe gerückt, als Anfang und Grundstein einer europäischenStaatsbildung, die bis auf kaum vergangene Zeiten gedauert hat, und doch so fern,als gehörte sie einem verschollenen mythischen Götterkreise an.

Der grosse Kaiser, welcher zuerst die Oberherrschaft des germanischen Stammesin Europa zur Thatsache machte, die widerstrebenden Theile desselben mit mächtigerHand zu einem Ganzen zwingend verband, die Trennung Europas vom griechisch-arabischen Oriente für immer befestigte, den wildesten und ausdauerndsten deutschenVolksstanmi zum Christenthume bekehrte, der christlichen Kirche eine dauerndeOrganisation verlieh und seine siegreichen Heere von Spanien bis nach Ungarn, vonApulien bis nach Holstein führte, ist der Held aller Kitterromanzen des Mittelaltersgeworden. An ihn knüpfen sich eine ganze Reihe von Heldensagen früherer Zeit, diein seiner Person und der Person seiner Angehörigen neues Leben gewonnen haben.Auch die kirchliche Legende schliesst sich an, den grossen Kaiser zu verherrlichen.

Uns zunächst gehört der Kaiser Karl durch die lokalen Ueberlieferungen. Er gehörtdem Rheinlande an; an Aachen knüpfen ihn feenhafte Vorgänge, die vielleicht ausurgermanischer Mythe auf ihn übertragen worden sind. In dem echten Frankenlande,der Wiege des späteren deutschen Reiches zwischen Maas und Rhein, war seineGeburtskcimath. In Aachen beschloss er sein thatenreiches Leben, nach langen krie-gerischen Stürmen ruhig herrschend, als römischer Kaiser deutscher Nation, der grössteKaiser seit Constantin. In Aachen ist er begraben, und wenn sein Grab auch nichtmehr vorhanden ist, so verehren die Gläubigen dort noch immer seine Reliquien, dieReliquien des grossen Heer- und Staatslenkers, den die Kirche später zu einem ihrerHeiligen erhoben hat. Das sagenhafte Wesen, was sich um die Geschichte Karls desGrossen spinnt, ist auch in Rethel's Darstellungen zum Ausdruck gekommen. Werfühlt nicht in der Darstellung von Kaiser Otto's Eröffnung des Grabes und in der Er-scheinung der riesenhaft majestätischen Leiche des grossen Kaisers die gewaltigeWirkung eines solchen plötzlichen Hereinragens einer gewaltigen Vergangenheit aufein nachgeborenes schwächeres Geschlecht. Der junge Kaiser verehrt mit grauenge-mischter Ehrfurcht den grossen Urahn des deutschen Kaisergeschlechtes, den grösstenHelden deutscher Nation, die persönliche Verkörperung aller grossen Erinnerungen desVolkes, furchtbar erhaben, selbst noch als Leiche. Es ist ein sagenhafter Vorgang,aber wie bestimmt charakterisirt er das Wirkliche!

Auch in der Saracenenschlacht tritt die Sage in die Geschichte ein. Fremdes Volkfremden Glaubens wird von der Wucht germanisch-europäischer Tapferkeit und Machtniedergeschmettert. Die Sage umkleidet die Feinde mit allerlei Truggebilden, gespen-sterhaft treten sie auf, aber sie unterliegen dem gläubigen Heere des christlichenKaisers, zu dessen Seiten der Bischof Turpin das Kreuz ins wildeste Schlachtgetllinmelträgt. In der Taufe Wittekinds hat Rethel den Vorgang mehr symbolisch aufgefasst,er schildert darin zugleich deu Sieg der christlichen Kirche, der auch der Kaiser,obschon Schirmherr, doch nur ein Diener ist.

Auch in der Darstellung derZerstörung der Irmensäule" zieht sich der grossehistorische Vorgang in einen symbolischen Moment zusammen. Das Götzenbild istniedergeworfen und liegt, ein Zeugniss seiner eigenen Ohnmacht, am Boden. DerKaiser steht mit der Siegesfahne daneben, die zugleich Siegesfahne des Christenthumsist, der Bischof erhebt ein Dankgebet zum Himmel und die Heiden beugen sich oderverbergen sich in dem Dunkel ihrer Wälder. Mehr im Sinne einer Darstellung wirk-licher Vorgänge sind dagegen der Einzug in Pavia, die Kaiserkrönung, die Erbauungdes Aachener Münsters und die Uebergabe des Reiches an Ludwig den Frommen,gehalten; aber auch in diesen Bildern herrscht der strengste historische Styl, diegrossartigste einfachste Darstellungsweise, die sich alles Ueberflüssigen, Episodischenenthält, um nur rein die Thatsache in ihrer eigentlichen Bedeutung zu geben.

I. Die Eröffnung der Gruft Karls des Grossen durchKaiser Otto III. im Jahre 1000.

(Nach den Original-Wandgemälden gezeichnet von Alb. Baur.)

Im Jahre 1000 Hess der junge Kaiser Otto III. die Gruft des grossen Karls imMünster zu Aachen eröffnen, um dessen Reliquien zu erheben. Nach dem Chronistenfand man die Leiche sitzend auf einem Thronsessel, angethan mit allen Insignien derkaiserlichen Würde, in den Händen das Scepter und den Reichsapfel, das Evangelien-buch auf den Knien, die Füsse gestützt auf einen römischen Sarcophag, den ihm einstder Papst geschenkt hatte. Rethel hat den Moment erfasst, wo der junge Kaiser,von der majestätischen Erscheinung ergriffen auf die Knie sinkt, um den heilig ge-sprochenen Begründer des deutschen Kaisertbums andächtig zu verehren. In dieMajestät der Erscheinung mischt sich das Grauen des Todes; die Züge sind halb ver-hüllt durch einen das Gesicht bedeckenden Schleier; noch im Tode thront der mächtigeHerrscher und Held, Schild und Schwert zur Seite, wie ein Riese aus grauer Vorzeitund demuthsvoll verehrt ihn das jüngere schwächere Menschengeschlecht. Die ge-spenstische Wirkung der Scene wird erhöht durch den Schein der Fackeln, welcherdas Innere der Gruft unbestimmt erhellt, während von obenher das Tageslicht ein-dringt und das Gefolge beleuchtet, welches dem jungen Kaiser nach in das aufge-brochene Gewölbe herabsteigt.

IL Die Zerstörung der Irmensäule.

(Nach den Original-Wandgemälden gezeichnet von Au;. Baur.)

Nach langem hartnäckigen Kampfe waren die Sachsen besiegt, der Eroberer warzugleich der Bekehrer zu einem neuen Glauben, er stürzte die alten Götzen, wie erdas trotzige Volk überwunden hatte, das sie in seinen dunkeln Wäldern verehrte.Rethel hat den ganzen Erfolg von Kaiser Karls sächsischen Kriegen in dem einenMoment zusammengezogen, wo das Hauptheiligthum der Sachsen, die Irmensäule beiPaderborn umgestürzt und dadurch den Besiegten die Nichtigkeit ihres Götzen vorAugen geführt wird. Die fränkischen Krieger haben die riesige fratzenhafte Bildsäulemit Stricken zu Boden gerissen. Der Kaiser steht daneben, in der Hand die kreuz-geschmückte Fahne und deutet auf das gestürzte Heiligthum, mit würdevoller Geberdedie Heiden auf die Machtlosigkeit ihres Götterbildes hinweisend. Der Bischof Turpin,von zwei Mönchen begleitet, spricht mit zum Himmel gerichtetem Blicke ein Dankgebetfür den Sieg des Christenthums; überzeugt und erschüttert beugen sich die Heiden undergrimmt ziehen sich ihre Priester in den dunkeln Wald zurück, der die Scene umgibt.

III. Der Sieg über die Saracenen bei Cordova.

(Nach den Original-Wandgemälden gezeichnet von Ai.b. Back.)

Wie der Kaiser im Norden die Heiden mit dem Schwerte bekehrt hatte, so ver-theidigte er das Christenthum im Süden gegen die Muhamedaner, indem er diespanischen Marken den Mauren abgewann. Dieser Kriegszug nach Spanien ist vonder Sage besonders reich phantastisch ausgeschmückt worden, die Dichter des Mittel-alters und der neueren Zeit haben seine Thaten, Siege und Niederlagen besungen.Rethel hat einen Zug dieser Sagen zum Gegenstande seiner Darstellung gemacht.Die Sage erzählt, dass die Saracenen mit fürchterlichen Schreckbildern gegen denFeind zogen und dessen Pferde damit in die Flucht scheuchten. Die Franken ver-banden ihren Schlachtrossen die Augen und stürzten nun, selbst unverzagt, über dieGegner her. In Rethel's Bilde ist der Kaiser inmitten des feindlichen Heeres bis zuzu dem mit Stieren bespannten Wagen gedrungen, der die Fahne mit dem Halbmonde,die Fahne des Propheten trägt uud reisst diese mit eigener Hand herab. Getümmelund Kampf ringsumher, in welche der sagenberühmte Bischof Turpin, das Kreuz hocherhebend, dem Kaiser unerschrocken folgt.

IV. Karls Einzug in Pavia.

(Nach den Original-Wandgemälden gezeichnet von Ai.b. Baur.)

Die Longobarden sind besiegt; ihr Reich erobert. Der Kaiser reitet in ihreHauptstadt Pavia ein, das Haupt mit dem Lorbeerkranze geschmückt, in der linkenHand die eroberte eiserne Krone, in der Rechten das Schwert. Zur Seite stehengramerfüllt der König Desiderius und seine Königin, trauernd über ihren Untergang.Im Hintergrunde und zur Seite die gebrochenen Mauern der brennenden Stadt; Einigesind mit dem Löschen des Feuers beschäftigt, Andere tragen klagend die Todten zurBestattung; es ist ein düsteres Bild des ruhmreichen, aber auch schreckensreichenKrieges.

V. Die Taufe Wittekinds.

(In Fresco ausgeführt und gezeichnet von Jos. Kehren.)

Der gewaltige Sachsenherzog ist endlich besiegt und bekennt sich zum Christen-thum, indem er in feierlicher Handlung die Taufe empfängt. Auf erhöhter Tribüne wirddas Sakrament von dem Bischof dem Helden ertheilt, der es mit gläubiger Demuthempfängt. Der Kaiser als Pathe kniet darneben, die Rechte stützend auf das Scepter,

die Linke am Schwertgriff als mächtiger Vorkämpfer und Schirmherr der Christenheit.Unterhalb der Stufen besiegte Sachsen, die gleich ihrem Führer sich dem Christen-thume zuwenden. Zur Seite entfalten Fahnenträger das neue Banner des Sachsen-herzogs, der fortan anstatt des schwarzen das weisse Pferd im Wappen führt.

VI. Die Krönung Karls des Grossen durch Papst Leo III.

(in Fresco ausgeführt und gezeichnet von Jos. Kehren.)

Der Kaiser war zum Weihnachtsfeste nach Rom gezogen. Andächtig kniet eram Grabe des Apostels, da tritt der Papst mit seinem geistlichen Gefolge heran undsetzt dem überraschten Helden die Krone des römischen Reiches auf das Haupt.Erschrocken weicht das betende Volk zur Seite, jubelnd dringen des Kaisers Gefährtenheran. Den Hintergrund bildet das Innere der alten Basilica des heiligen Petrus.

VII. Die Erbauung des Münsters zu Aachen.

(In Fresco ausgeführt und gezeichnet von Jos. Kehren.)

Karl, als Leiter des Baues, steht in der Mitte des Bildes, umgeben von seinerGemahlin, seinem Sohne Ludwig, seiner Tochter Emma und von seinen gelehrtenFreunden Alcuin und Eginhart. Da ziehen von rechts her die Legaten des Papstesheran, welche dem Kaiser die Marmorsäulen von Ravenna zum Geschenk bringen,damit er seinen Dom damit schmücke. Den Hintergrund bildet das im Bau begriffene,halb vollendete Münster.

VIII. Karl der Grosse übergibt die Krone des Reichsseinem Sohne Ludwig dem Frommen.

(In Fresco ausgeführt und gezeichnet von Jos. Kehren.)

Ludwig im Kaisermantel, vor seinem Vater knieend, setzt sich auf dessen Geheissselbst die Krone aufs Haupt. Der alte Kaiser, gestützt von Zweien seines Gefolges,schaut auf die umgebende Menge der geistlichen und weltlichen Würdenträger unddes Volks und deutet mit lebhafter Handbewegung auf die mit dieser feierlichenHandlung festgestellte Fortdauer seiner grossen Schöpfung, des Kaiserreiches. Es istder würdige Schluss seines erhabenen Wirkens; fortan sollen jüngere Hände Schwertund Scepter fahren.