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AUSFLUG NACH BELGIEN.
Fragen wir uns jetzo, nachdem wir das Talent eines jeden unserer Künstler, oder einerjeden Gruppe, woraus unsre Künstlerwelt besieht, zu bezeichnen gesucht haben, welches dereigentliche Charakter der Belgischen Schule sei, so werden wir zu dem Schlufse gelangen,dafs wir, streng genommen, eine fest geschlofsene, durchweg von denselben Ansichten unddenselben Bestrebungen geleitete Schule nicht haben *. Im Allgemeinen besteht die BelgischeKunst aus den verschiedenartigsten Bestandtheilen. Ein Theil unserer Künstler hält fest ander plastischen Malerei, vom Italienischen Gesichtspunkte aus; sie bekennen sich zu DavidsForm, gemäfsigt, wie wir schon gesagt haben, durch das Italienische Princip; sie sind aus-schliefsliche Bewunderer der Form, wenig Coloristen, wenig Flamänder. Andere haben vonRubens, der so materialistisch für die Form, aber ein so grofser Dichter mit dem Pinsel war,allein die Farbe angenommen, ohne sein Feuer, ohne seinen Geist, ohne seine Begeisterung,und ohne den Gedanken, den er mit seinem Farbenglanze bekleidete. Der Theil unserer Ma-ler, welcher sich bestrebt, uns wieder eine volksthüinliche Kunst zu schaffen, stammt kaumerst von 1830 her. Erschlofsen an der Sonne, welche Wappers Gemälde in den Ausstellungs-sälen dieses Jahres leuchten liefs, haben sie eine Umwälzung hervorgebracht, welche wir inallen ihren Wandelungen beobachtet haben. Diese Maler gehen von dem coloristischen Prin-cip aus. Im Grunde suchen sie sich als eine historische Schule zu fafsen. In Hinsicht derForm bleibt ihnen diese noch erst zu finden. Wir wiederholen, dafs sie eine historischeSchule zu bilden trachten. Die Ereignisse des Jahres 1830 haben, wie man wohl denkenkann, auf die Wahl der Gegenstände der Gemälde nicht ohne Einfluss bleiben können.
Unsere junge Schule, die sich bereits durch die Farbe unserer Flamändischen Malerei des
17ten Jahrhunderts angeschlofsen hat, strebt also dahin, im Gehalt und Gedanken eine histo-rische zu werden. Aber so weit sie auch hierin schon vorgeschritten ist, so hat sie dochin zwiefacher Beziehung noch grofse Fortschritte zu machen: in Form und Zeichnung, und inder Auffassung. Um sich nun auch nach diesen beiden Seiten zu vervollkommnen, hat sie,aufser den drei an ihrer Spitze stehenden Meistern, Wappers, Gallait und De Keyzer, nochdie Deutsche und die Französische Schule zu studieren. Von der Deutschen hat sie sichderen ideale Auffassungsweise, das Übersinnliche und den dichterischen Geist anzueignen, abersich dabei vor einem grofsen Fehler dieser Schule zu hüten, nämlich vor der gleichsam asec-tischen Beschaulichkeit, wodurch dieselbe oft ins Kalte und Steife verfällt; sie eigne sich fer-ner ihre Innigkeit und ihren durchdringenden Geist, ihre Scharf sinnigkeit und wohlbercchncte
jene
Mäfsigung, endlich die weise Besonnenheit an,
womit sie, Schadow's Lehre befolgend,
gewisse, von den Alten so wunderbar verwirklichte ruhige Idealität mit der Unabhängigkeitund der Bewegung der lebendigen, natürlichen und handelnden Gestalten in Verbindung bringt.Von der Französischen Schule entnehme sie diese Unabhängigkeit und Bewegung der Gestal-ten, diese gelenke und dahinwogende Freiheit derselben, und verbessere das, was hier oft zuübermüthig erscheint, durch das, was die Deutsche Kunst oft zu beschauliches hat.
Schlügen unsere Künstler diesen Weg ein, suchten sie die beiden grofsen Elemente, diesie bereits in einem so hohen Grade besitzen, die Farbe und den Gedanken, durch das Stu-dium der Deutschen und der Französischen Schule zu ergänzen, die ihnen eine innigere undtiefere Aunassungsweise erwecken, und sie zugleich zur Wahrheit und zum Adel der Formführen würden: so wäre ihre Zukunft unstreitig gesichert.
So hat es auch mir geschienen, und mit Frankreich, glaube ich, verhält es sich eben so.
Anmerkung des Verfafsers dieses Werkes.