Druckschrift 
3 (1841) Berlin, Dresden, Hamburg, Mecklenburg, Weimar, Halberstadt und Göttingen : mit einem Anhange: Ausflüge nach Holland, Belgien, England, Schweiz, Polen, Russland, Schweden, Dänemark und Nord-Amerika
Entstehung
Seite
501
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

s >:

501

AUSFLUG NACH BELGIEN.

das Schaffot. Inbrünstig umarmt Anna ihr Kind, und giebt ihm den Schcidekufs, ohne einenBlick auf dasselbe zu wagen, aus Furcht, der Math zu sterben möchte ihr entsinken. Vongrofser Schönheit ist der Contrast, welchen diese Gruppe mit den thcilnahmlos dastehendenDienern des Königs bildet.

Dieses Werk erkaufte der Fürst von Ligne.

Im Jahre 1836 brachte De Caisne zur Ausstellung in Paris seinen

Schutzengel",

der kürz-

lich im Kupferstich erschienen ist, und im Saale des Louvre den entschiedensten Beifall er-hielt. Es ist eine der anmuthigsten und dichterischsten Compositionen, die wir kennen.EineMutter ist an der Wiege ihres schlafenden Kindes beim Spinnen eingeschlummert. Ein En-gel, der Schutzengel der schlummernden Kindlein, steht neben der Wiege, um den Neuge-bornen und seinen Schlummer zu bewachen". Das ist der Gegenstand dieser Darstellung. Manbegreift leicht, wie viel Heiliges, Schönes und Erhebendes eine dichterische Einbildungskraftüber einen solchen Gedanken zu verbreiten vermag. Auch wurde das Verdienst dieser Her-vorbringung einstimmig anerkannt, und wir können das Urtheil der Französischen Kritikernur bestätigen. Die Mutter, deren Oberleib man nur sieht, ist aufserordentlich schön ge-zeichnet. Es ist eine schöne Italienerin. Das Kind schläft einen ruhigen tiefen Schlaf. DerEncel ist eine entzückende Gestalt, bis an den Hals züchtig in ein weifses Gewand gehüllt,

wie es die fromme Kunst des Mittelalters den himmlischen Boten zuerst anlegte. Das Ganzeist von hinreifsender Lieblichkeit. Dieses Werk stellt De Caisne sehr hoch, und ertheilt ihmeinen ausgezeichneten Rang unter den Französischen Malern, über welche er bei jeder Aus-stellung im Louvre neue Siege davonträgt.

In demselben Jahre sah man auf der Ausstellung in Brüssel zwei Werke von ihm: einBrustbild derMaier dolorosa"; undHagar in der Wüste." Der ausdrucksvolle Kopf der er-stem erscheint uns eine herrliche erneuete Darstellung jenes himmlischen Angesichts, auf wel-chem der unermefsliche Schmerz in seiner ganzen Wahrheit ausbricht, so dafs Maria einenAugenblick der Mutter Gottes vergafs, und nur das Herz der Mutter des Menschensolms fühlte.Diese herzzerreifsende Angst malt sich in den Zügen der Heiligen Jungfrau mit Tiefe, Erha-benheit und Poesie. Farbe, Zeichnung, Empfindung, alles steht in innigem Einklang, und istwahrhaft künstlerisch aufgefafst.

Hagar in der Wüste" ist eine gröfsere Composition. Die Mutter, vor Ermattung zusam-mengesunken, hält ihren vor Durst verschmachtenden Sohn auf dein Schofsc. Das Kind win-det sich in dem unsäglichsten Schmerze, und die Mutter erwartet mit zerrifsenem Herzen dengefürchteten Augenblick, wo der Tod ihr nur noch einen Leichnam in den Armen lafsenwird. Aber in demselben Augenblicke erscheint der Himmelsbotc und zeigt ihr die Quelle,deren Wafser den Sterbenden wieder beleben soll.

Die Composition dieses Bildes hat die glücklichste Verbindung der Linien. Der Ausdruckdes Kopfs der Hagar ist tief gefühlt und dichterisch wiedergegeben. Das körperliche LeidenIsmaels ist auf eine Art ausgedrückt, die uns rührt, aber nicht Entsetzen einflöfst: eine Klippe,welche zu vermeiden die Künstler nicht immer das richtige Gefühl haben. Diese zwiefacheDarstellung eines grofsen Schmerzes, des leiblichen an dem Kinde, und des Seelenleidens derMutter, ist von der ergreifendsten Wirkung. Daneben die heitere Ruhe des Engels vollendetdieses Schauspiel. Die Zeichnung dieses Gemäldes ist von aufserordentlicher Reinheit. DerKünstler hat seinen Gegenstand von einem hohen Standpunkt aufgefafst, und ihn mit Glück aus-gedrückt. Er hat alles darin dem Gedanken überlafsen. Kein Aufwand von Farben, vielmehr