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AUSFLUG NACH BELGIEN.
Wenn wir in unserm Bericht jene gleichsam hierarchische Ordnung, welche unter denBelgischen Malern nach ihrem innern Werth eingeführt ist, nicht befolgt haben, sonderngleich nach den Namen Gallait und De Keyzer diejenigen aufgeführt haben, von denen ebendie Rede gewesen ist: so geschah es lediglich deshalb, um besser den Gang der Entwicke-lung zu bezeichnen, welchen die neue Kunst in Belgien, seit dem „Van der Werff" im Jahre1830, genommen hat.
Man hat gesehen, wie das auf den Grundlehren des Rubens beruhende Princip durch Wap-pers wieder hergestellt ist, sich von neuem befruchtet hat und junge Talente hervorgerufen,die dazu bestimmt sind, unsre Malerei noch mehr zu erheben, und ihr jenen hohen Glanzzurückzugeben, welchen sie im 17ten Jahrhundert verbreitete, worauf sie aber immer mehrentartete, bis zu ihrem völligen Verfall im vorigen Jahrhundert. Man hat aber auch gesehen,dafs dieses Princip noch nicht allgemein und in allen unseren Werkstätten angenommen ist,und dafs neben demselben immer noch der plastische Gesichtspunkt sich erhält, wiewohl durchden Italienischen Gesichtspunkt bedingt: was gewifs vortheilhaft ist, weil er, wie ein stets auf-merksamer Wächter immer bereit steht, die Schule der Coloristen, die anfangs, aus unrichti-gem oder mangelhaftem Verständnisse des Wapperschen Van der Werff, die Form so sehrmifsachtete, emigermafsen zur Strenge und zum Adel der Form zurückzurufen *.
Auf Wappers und seine beiden Mitbewerber möchten wir nun zwei andere Maler folgenlafsen, welche zwar der gegenwärtigen künstlerischen Bewegung in Belgien fern gebliebensind, sich aber auf andrem Wege, der Eine in Paris, der Andere in Rom, ausgebildet haben.Es sind De Caisne und Wiertz, zwei schöne Talente, zu welchen wir unverzüglich über-gehen.
HEINRICH DE CAISNE, in Brüssel geboren, ist schon seit langer Zeit in Paris gänzlichansäfsig, wo er eine grofse Anzahl, meistentheils durch Steindruck und Kupferstich verviel-fältigte Gemälde hervorgebracht hat. Er ist Geschichts-, Bildnis- und Genremaler. Im Jahre1833 gab er zur Ausstellung in Brüssel ein Portrait und zwei historische Compositionen: „Eli-sabeth, Königin von England und Amy Robsart"; und die „letzten Augenblicke der AnnaBouleyn". Das Portrait war ganz in der Weise Van Dycks aufgefafst und gemalt, und un-
streitig das beste Bildnis auf der ganzen Ausstellung.
Die Zeichnung war aufserordentlich
correct, die Haltung ungezwungen und edel, die Pins elführung ungemein fest, die Farbe vonstrengem Glänze; und das ganze Bild, so übereinstimmend in seiner Gesammtheit, und somäfsig in seinen einzelnen Theilen, war von jener hohen Poesie durchdrungen, mit welcherVan Dyck seine Portraits so trefflich zu beleben verstand. „Elisabeth und Amy Robsart"war geistreich gedacht und mit grofsem Geschick gemalt; „Anna von Bouleyn" aber war,was Darstellung, Färbung und Gesammtheit anbelangt, unstreitig das schönste Werk dieserArt auf der ganzen Ausstellung. Gedanke, Empfindung und Farbe standen in diesem Gemäldein vollkommenem Einklang. Die Hauptfigur war eine der schönsten Schöpfungen De Cais-ne's. Die junge Königin, in diesem Augenblick nur noch Weib und Mutter, ist von bewun-derungswürdigem Ausdruck. Gleich wird die verhängnisvolle Stunde schlagen; schon wartet
* Ich bin sehr erfreut, dafs der Verfasser dieses Artikels diese Meinung ausspricht. Gewis bil-den das „Italienische" und das „Plastische" die beste Grundlage der künstlerischen Ausbildung; undich wünsche, dafs beides einem jeden Maler, wes Geistes er sei, auf seiner Laufhalm stets als „auf-merksamer Wächter diene, bereit, ihn zur Strenge und zum Adel der Form zurückzurufen".
Anmerkung des Verfafsers dieses Werkes.