x °
499
AUSFLUG NACH BELGIEN.
Anblick so schauderhaft und gräfslich ist, dafs man entsetzt davor zurückweicht, stellt die vonDante in seiner Hölle so dichterisch erzählte Episode in allen ihren jammervollen Einzelnheitendar. Wir gehören nicht zu denjenigen, die der Kritik das Recht zuerkennen, dem Künstlerüber seine Idee Rechenschaft abzufordern. Der Kritiker mufs dieselbe überall gelten lassen,und ihm steht allein zu, zu beurtheilen, ob der Künstler sie gut oder schlecht dargestellt hat.Dante's Verse waren nun einmal da, und De Biefve hat versucht, sie auf die Leinwand zuübertragen. Und wir müssen gestehen, es ist ihm gelungen, diesen schaudcrvollen Auftrittkräftig wiederzugeben. Der lange und schmerzliche Todeskampf dieses Vaters, der in dreienseiner um ihn hingestreckt liegenden Söhne selber schon dreimal gestorben ist, und der vordem eigenen letzten Lebenshauche noch das Todcsröchcln seines vierten Sohnes vernimmt, ist indiesem Gemälde mit jener düstern Poesie ausgedrückt, die in der Erzählung Alighieri's herrscht.Die Zeichnung ist ungemein correct, der Ausdruck der Köpfe gut empfunden, und die Com-position ist, mit Ausnahme einer nicht ganz glücklichen Verbindung der Linien, von grofserWahrheit. Ausgezeichnet ist dieses Werk durch eine strenge, dem Gegenstande durchaus an-gemessene Übereinstimmung.
Auf dieses Bild folgte ein anderes, das ich kürzlich in der Werkstatt des Künstlers gesehenhabe, und w C l c ] ies „die letzten Augenblicke der Anna Bouleyn" darstellte. Bei aUen seinenübrigens trefflichen Eigenschaften, stand es jedoch dem „Grafen Ugolino" an Grofsartigkeitder Auffassung nach.
VAN EYCKEN und VERSCHAEREN beharrten völlig, jener bei den Grundlehrcn dergrofsen Italienischen Meister, dieser bei dem plastischen Princip, gemildert durch das Studiumder Italienischen Schulen. So wie Van Rooy und De Biefve sich hinsichts der Auffassungs-weise und einigermafsen auch im Verständnis der Farbe sich Wappers und Gallait annähern,eben so befinden sich Van Eycken und Verschacren, der Eine auf dem von Navez eingeschla-genen Wege, der Andere auf dem Wege der Italienischen Schule, wie Poussin sie auffafste.
JOHANN VAN EYCKEN, geboren zu Brüssel, im Jahre 1810, erhielt den ersten Unter-richt von Navez, und erwarb im Jahre 1835 den ersten grofsen Preis der Malcrakademie inBrüssel. In demselben Jahre erschien er zum erstenmal auf der Ausstellung in Antwerpenmit einem „Heiligen Sebastian", der Beifall fand. Im Jahre 1836 gab er zur Ausstellung inBrüssel „die Dornenkrone" und vor allen den „jungen Tobias, wie er seinem Vater dasAugenlicht wiedergiebt". Diese beiden Bilder, von welchen das erstere sich durch Überein-stimmung der Farben, das andere durch die Composition auszciclmet, halten sich ganz in derManier von Navez.
VERSCHAEREN, geboren zu Antwerpen, und preisgekrönter Schüler der Akademie daselbst,lebt in Rom als Pensionnair der Belgischen Regierung. Nur wenige seiner Gemälde befindensich in Belgien; die meisten sind in Italien. Dieser Künstler schickte im Jahre 1836 von Romein Gemälde nach Brüssel zur Ausstellung, welches „Eliczer und Rebecca" darstellte. An
diesem Bilde erkennt man, dafs der Maler die Antwcrpner Schule gänzlich aufgegeben hat,sowohl in der Composition, als in der Auffassungsweise, Farbe und Wirkung: er hält sichin vielen Stücken fast durchgängig zur Italicnischen Malerei, aus Poussins Gesichtspunkt. DieComposition ist etwas unzusammenhängend, und die Zeichnung ein wenig trocken, wie bei-des bei jenem grofsen Meister der Französischen historischen Schule. Aber der Styl ist nichtso edel, mehr anmuthig, wir möchten fast sagen mehr kokett; und die Farbe ist nicht sodunkel, wie die des Französischen Malers. Die Landschaft ist ganz in Poussins Manier.
63*