471
AUSFLUG NACH BELGIEN.
gehalten, und zugleich weniger einförmig; sie haben nicht den grofsartigen Charakter der Ge-stalten Michel-Angelo's, aber es ist mehr Leben in ihnen; es geht ihnen die Milde und Weich-heit Vcronese's ab, aber sie sind markiger und kräftiger; es herrscht in ihnen nicht die An-muth Coreesio's, dagegen liegt in ihnen mehr Gedankenrcichthum. An Keckheit und Vermes-senheit aber übertrifft Rubens alle vorgenannten Meister.".............
Diese Stelle giebt mir einen neuen Beweis von der grofsen Verschiedenheit der Meinungenüber die Kunst. Ich zum Beispiel, wenn ich über Rubens und zugleich über die grofsen Ita-lienischen Meister zu reden hätte, welche der Belgische Vcrfafser hier genannt und, ich weifsnicht warum, zusammengestellt hat, würde so sagen: Rubens zeigt in einigen seiner Gemälde,bei denen er mit mehr Mäfsigung und weniger keck zu Werke gegangen ist, in Hinsicht derFärbung, einige Ähnlichkeit mit den Vcnctianern; doch ist seine Carnation heller und roher.Er hat Rafael, Michel-Angclo und Coreggio studiert, sich aber der idealen Schönheit des erstcren,der Grofsheit und Kräftigkeit des zweiten, und der Anmuth und dem Farbenschmclz des dritten,nicht im Allergeringsten genähert. Daher ist es auch unmöglich, zwischen Rubens und diesendrei Meistern einen Vergleich anzustellen: es gebührt ihm aber die Anerkennung, dafs seineCompositionen voller Leben und Bewegung sind; dafs er einen fruchtbaren und an Abwechse-lungen unerschöpflichen Geist hatte; dafs er die gröste Erfindungsgabe besafs, die es jemalsgab; dafs er mit einer Derbheit und Keckheit begabt war, die ihn zwar auf Abwege gelei-tet hat, für ihn aber auch eine Quelle vieler merkwürdiger Hervorbringungen gewesen ist. Da-gegen erlaube ich mir einen Vorwurf ihm zu machen, der nie einem Rafael, einem Michel-An-gelo oder einem Coreggio gemacht worden ist, den nämlich, dafs er oft Unedles und Gemei-nes hervorbrachte, zumal wenn er einen Bacchus, einen Silen oder nackte Frauen darstellte;dafs er oft übermüthig und von seinem eignen Ruhme berauscht erscheint, und seine Frucht-barkeit mifsbrauchte. So viel ich auch über Rubens nachdenke, ich komme doch über ihn zukeinem andern Uithcilc. Dennoch mag der Belgische Vcrfafser Recht haben, und ich rathemeinen Lesern um so mehr, die Meinung desselben zu achten, als die Begeisterung für eineSache stets liebenswürdiger erscheint, als eine instinetartige Abneigung, oder als eine kalte Kri-tik, oder gar als Hohn: der schlimmste Tadel, den es giebt............
„Von Rubens Schülern war es Van Dyck, der seinen Geist erbte; der materielle Tlicil sei-ner Kunst ging auf Jordacns und fast auf alle seine übrigen Schüler über."......
„Van Dyck nahm seinen Erbantheil mit ins Grab. Mit ihm erstarb alles, was die Kunst bisdahin Seel- und Geisterhebendes gehabt hatte."................
„Zu Anfang des Jahrhunderts, in welchem wir leben, warf ein Mann, der sich schon inandern Beziehungen einen Namen gemacht hatte, die Kunst in Frankreich und, rückwirkend,auch in Belgien über den Haufen. Wir hatten damals, wie Frankreich, eine republikanischeVerfafsuug. Man träumte nur von Rom und Sparta. Alle Gedanken schweiften in Griechen-land und Latium umher. Man hatte eine einige und untheilbare Republik, und Gott weifs!was für eine. Man hatte Consuln, man hatte Lictorcn; man war zum dicksten Heidcnthumeübergegangen; man führte sclbstgcschaffene Göttinnen in Ilalbstiefeln und oft halbnackt in den