426
BEILAGE A.
Ich hebe mit Fleifs Grab-Monumente bei dieser Betrachtung zuerst hervor, indem sie augen-fällig ganz nahe mit Zeit und Personen zusammenhangen; und von selbst schliefsen sichnun an Zeit und Personen Kunstwerke jeder Art an, die, durch sie hervorgerufen, ihr Leben,Thaten, Wirksamkeit jeder Art, und ihren Tod bezeichnen; und die zugleich, indem sie diefsthun, ein treues Bild ihrer Zeit, deren Bedürfnisse und deren innerster Richtung und Kunsl-Entwickelung geben. Die sich hier ferner anschliefsenden Monumente sind: Tempel, Kir-chen, Paläste, öffentliche Gebäude, als Theater, Circus, Basiliken, Wohnhäuser, mit ihren nichtnur klimatischen, sondern auch geistigen und religiösen Beziehungen und Bedürfnissen bei denverschiedenen Nationen. Es bestätigen diefs die Münzen aller Nationen, von den unförmlich-sten Bracteaten an, bis zu den schönsten Griechischen Goldmünzen und Medaillen des Alter-thums und des Mittelalters. Es bestätigen diefs die Götterbilder aller Nationen, vom erstenunförmlichen Stein des Fetischismus an, bis zu den Wunderwerken der Olympischen Gotthei-ten in Griechenland und Italien;'— und von den ersten Versuchen nach uralten ByzantinischenTypen des Heiland-Bildes bis zu dem Ideale desselben, des Lionardo da Vinci, und den un-erreichten Idealen der Madonnen-Bildungen des Raphael, gehet eine Reihe wunderbar ver-schiedener Monumente in allen Ländern der Christenheit an uns vorüber, die sowohl denGrad der Empfänglichkeit für bildliche Entwickelung heiliger Gegenstände im Volke angeben,als sie zugleich auch die Stufe bezeichnen, auf welcher die bildende Kunst und die Künstlergestanden haben.
Nur wenn man die Masse der vorhandenen Kunstwerke jeder Nation und jeder Zeit, dieuns durch unser sammelndes Zeitalter vor Augen liegen, in dieser historischen Rücksicht undvon diesem daraus sich ergebenden Standpunkte betrachtet, ist es möglich, gerecht und rich-tig zu urtheilcn, und den relativen Werth so mannigfaltiger Werke des menschlichen Geisteszu ordnen und zu begreifen, da nun ein jedes Werk in seiner Zeit, in seinem Lande, be-dingt von seinem Himmel, bedingt durch den Gegenstand, die Bedürfnisse und den Reichthumdesselben, entschieden seinen Platz und seine Beziehung findet. Insofern nun die Kunst alsoeine Geschichte hat, und durchaus keine abgesonderte von der grofsen Weltgeschichte, son-dern recht eigentlich durch ihre Werke diese mit bedeutenden Documentcn belegt und cha-raktcrisirt: so scheint durchaus von selbst zu folgen, „ dafs die Geschichte ohne Monumente unddie Monumente ohne Geschichte nie richtig beurtheilt werden können." Die Schönheit und dasIdeale der Kunst (welches eigentlich in Eins zusammenfällt) wird durch den Charakter mo-tivirt; dieser gehet aus der Zeit natürlich hervor: und es wird sich also die höchste Bedin-gung der Kunst (das Ideale) in den verschiedensten Zeiten und unter den verschiedenstenBedingungen angedeutet finden und begegnen; ja sogar berühren, sobald es auf die allgemei-nen abstracten Begriffe von Ideal allein ankömmt.
Wer wird das Ideale eines Jupiter, Apollo und einer Venus-Statue der grofsen Zeit Grie-chenlands leugnen wollen? Wer wird nicht zugleich dafselbe Streben zum Idealen in den ge-lungenen Bildern des Heilands, der Apostel, der Heiligen Jungfrau, und in dem grofsen Kreisgelungener Heiligen- und Märtyrer-Bilder erkennen? — Was macht sie ähnlich? — Das allge-meine Streben nach dem Idealen. — Was macht sie zugleich so verschieden? — Die Zeit mitihren Anforderungen, ihrer Bildung, ihren Erkenntnissen und ihren Offenbarungen.
Gewiss ist es, dafs die so eben genannten Gipfelpunkte so einsam und allein in der Ge-schichte der Kunst dastehen, als in der grofsen allgemeinen Geschichte des Menschengeschlechtesgrofse Männer mit ihren Thaten und ihrer Persönlichkeit, oder wie grofse Bergketten mit ihren