54
MÜNCHEN. — EINLEITUNG.
Im Eingänge des Ganzen, nach einem Gebete (womit auch der Wilhelm anhebt), gedenktder Dichter, dafs man seinen Parcival unverständlich und ihn selber verworren gescholten;er wiederholt und erläutert deshalb den Eingang des Parcival, den solcher Tadel zunächsttraf, wie ihn denn Gottfried beim Tristan deutlich im Sinne hat. Dann geht er an die Er-gänzung der Dichtung selber, wobei es vornämlich angelegt ist auf die Urgeschichte des Grals,d. i. das Gefäfs des heiligen Abendmahls, und auf dessen endliche Heimkehr ins Morgenland,als Heiligtimm eines priesterlichen Königreichs, so dafs, welche Bedeutsamkeit auch den mehrritterlichen und weltlichen Thcil, nämlich die tragischen Liebesgeschichten der nicht zum Kö-nigsstamme des Grals und dessen geistlichem Ritterorden (der Templer) * gehörigen HeldenGahmurct und Tschonatulander durchdringt, und endlich den festen reinen Parcival, der bei-des vereinigt, hochverklärt. Die Romanische Quelle dieser Dichtung ist vermulhlich eben dievollständige Urkunde des Parcival, deren beide Gewährsmänner, der Heide Flegctanis aus Sa-lomons Stamm, und der Provenzale Kyot, auch hier, wie im Parcival, als solche genannt,und dorther manche Französische Ausdrücke beibehalten werden. Der Deutsche Dichter be-kennt auch, wie Wolfram, er sei nicht schriftgclehrt. Er beklagt seine Ungeschicktheit inder Dichtkunst, und die mühselige Arbeit: dennoch übernimmt er, in Gottes Namen und zuguter Lehre, das grofse Werk, an welchem er wohl selbvierte, d. h. mit Dreien, genug zuarbeiten hätte. Der Ruhm desselben gebühre allein der Aventüre, welche aber hier so kühneSprünge genommen, dafs er ihr noch widerstreben und sie bitten möchte, ihm die schwereArbeit zu erlafsen, durch welche er nicht Leib und Leben aufzehren wolle, wenn ihm nichtVergnügung werde. Und so beginnt er dann bald das durchgehende Gespräch mit Frau Aven-türe, in welchem er völlig als Herr Wolfram von Eschenbach und Pleienfclden auftritt.
Bei alledem vergifst dieser Nachdichter Eschenbachs doch einige Male seiner Rolle, unter-scheidet sich von ihm, ja tritt endlich namentlich hervor, und verräth sich deutlich als einenspäteren: welche Stellen deshalb in den Handschriften, wie im alten Drucke mannigfaltiggeändert oder weggelafsen sind. Er sagt ausdrücklich, dafs er Eschenbachs Parcival ergänzenwolle. Eine Hauptrolle spielt hier ein verhängnisvolles Halsband, zwar nur eines Bracken(Jagdhundes), aber auch ein kostbares Minnegeschenk, wie jenes Thebanischc der Eriphile (anwelches namentlich erinnert wird), und aufsen und innen mit schönen Sprüchen durchwirkt,als ein weltliches Gegenstück zum heiligen Gral. Der an diesem Brackenseil aufgefangeneBracke entreifst sich Sigunens Händen wieder, bevor sie es ausgelesen hat, und bei der Ver-folgung desselben wird ihr geliebter Tschonatulander getödtet, um den sie sich dann in Weh-klage verzehrt.
Dicht vor Aufnahme dieser Aventüre vom Brackcnscile, wie sie noch unter EschenbachsBruchstücken vorhanden ist, sagt nun der jüngere Bearbeiter, dafs die durch den Ring desHalsbandes gezogenen Riemen wohl fünfzig Jahre lang gespalten waren, bis ein Meister,nach dem Tode des andern, es wieder aufnahm. Er nennt sich Albrecht, und rühmt, imritterlichen Bilde, von sich, dafs er die Aventüre (die Urkunde derselben) vollständig habe,jedoch von der Walstatt reite, weil ihm die Lanze der Hülfe an einem namhaften DeutschenFürsten zerbrochen sei. Dann beklagt er auch die Wirren und Wehen des Reichs bei Ab-wesenheit des Deutsch-Römischen Königs in England: d. i. Richards von Cornwall (1257
Franz. templiers.Brächet.