Druckschrift 
2 (1840) München, Stuttgart, Nürnberg, Augsburg, Karlsruhe, Prag und Wien : mit einem Anhange: Ausflug nach Italien
Entstehung
Seite
52
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

52

MÜNCHEN. — EINLEITUNG.

Die Geschichte des Markgrafen Wilhelm von Narhonne und Orange, besonders seine Käm-pfe gegen die Heiden Spaniens und Südfrankreichs im 8ten und 9ten Jahrhundert wurdenschon im Uten Jahrhundert daheim volksmäfsig gesungen, und durch den Beschhifs seinesHeldenlehens im Kloster (nach Art unsers Rother, Wolfdietrich, Ilsan, Heime u. A.) und durchseine Heiligsprechung Gegenstand der Legende. Jene Lieder waren ohne Zweifel Provenza-lisch, obgleich nichts mehr von einem Provenzalischen Ritlergedichte dieses Inhalts erhellt.Vielleicht war das durch Wilhelm von Bapaume überarbeitete Gedicht ein solches. Diesesbesteht aus mehreren Theilen, und geht in dem mit Eschenbach gemeinsamen Thcile weiter,bis zum Tode des starken Rennewart (Raynouard) und seiner Schwester Kiburg, WilhelmsGattin, worauf Wilhelm Mönch wird, und der letzte Theil, sein Möncbslebcn, beginnt. DaEschenbachs Gedicht unbefriedigend, besonders über das Schicksal Remiewarts, abbricht, undauch keine Schlufsrede (wie der Parcival) hat, so ist er vermuthlich durch den Tod an derVollendung gehindert, welche der bejahrte Dichter auch wohl auf Wilhelms Heiligung ange-legt hatte. Der Titureldichter bemerkte schon (um 1270) die Unvollständigkeit auch des An-fanges, und bald darauf suchte diesen ein anderer Dichter zu ergänzen. Die Vorgeschichte,Wilhelms Enterbung und Entsendung auf Abenteuer, sein Dienst hei Karl dem Grofsen unddessen Sohn Ludwig, der Wilhelms Schwester Blanka heirathet, die Kämpfe gegen die Hei-den, wobei Wilhelm über Meer geführt wird, dort in der Gefangenschaft Arabclen, TerramersTochter und Tibalds Gemahlin, bekehrt und entführt, und mit ihr, in der Taufe Kiburg ge-nannt, sich vermählt — dies alles hat Eschenbach absichtlich übergangen und nur die Haupt-züge davon, als Beweggrund der folgenden Kämpfe, berührt. Meister Ulrich von dem Türlin,vermuthlich aus St. Veit in Kärnthen, hat diese Jugendgeschichle Wilhelms aus dem Franzö-sischen hinzugedichtet, für den gegen Kaiser Rudolf gefallenen Böhmenkönig Ottokar (1253bis 1278). Mehr in Eschenbachs Entwurf, obwohl minder frisch in der Ausführung, hattefrüher schon Ulrich von Türheim zuvörderst die Geschichte Remiewarts und seiner geliebtenAlisc, Wilhelms Schwestertochtcr, und dann Wilhelms Möncbslebcn, nach Kiburgs Tode,hinzugefügt: alles nach dem Wälschen (Französischen) Buche, welches ihm Otto der Bogencrin Augsburg heimbrachte; und Ulrich vollführte dies Werk einer Frau zur Liebe, wie er frü-her schon Gottfrieds Tristan für die Geliebte des Schenken Konrad von Wintersteten, dessenTod (1242) er hier beklagt, vollendet hatte. Eschenbach arbeitete hier auf ähnliche Weise,wie beim Parcival, und gesteht, dafs ihn in Kunde des Französischen ein Bauer der Cham-pagne leicht übertreffe; er wolle aber nicht unverständliches Französisch einmischen, wennsein Deutsch auch nicht immer so glatt sei, so möchte ihn der auch wohl zu jung sein, deres nicht gleich verstehe. Dies scheint wieder vornämlich gegen Gottfrieds Tristan gerichtetder wirklich mehr Französisch, ja ganze Verse, meist zugleich verdeutscht, einmischte, wiedann auch Andere aus Zierlichkeit thaten. Noch mehr dieser Art hat Eschenbach selber imParcival. Wie hier im Wilhelm die Sprache reiner, männlicher, ist auch, dem Inhalt ent-sprechend, die Darstellung weniger jugendlich romantisch, mehr ernste geschichtliche Wahr-heit, dabei, in freier Verdeutschung, nicht minder eigentümlich belebt. Die Erzählung führtsogleich mitten in die Handlung: was, mit dem zufälligen Abbrechen, dieses Gedicht auchals dem antiken Epos näher empfohlen hat, so dafs Türlins Ergänzung dieser Oransias durchdie Entführung Arabelens, der nach Homer von Koluthus gedichteten Entführung der Helenaverglichen worden. Allerdings ist Arabcle eine Art Helena, jedoch eine Christliche, durchdie Taufe in Kiburg verwandelte. Damit ist überhaupt dieser Krieg, neben dem neuen Anlafs,