263
Alsbald umfing Trost und Beruhigung desRitters Herz, er stand aus, bestieg sein Thier undkam im gestreckten Galopp an der Insel an,wo der Fährmann eilig über den Arm desRbeines setzte, der ehemals die Insel umschloß.Bor dem Mönche angekommen, beichtete er seineSünden und that ihm des Teufels Versuchungenund die Wette kund, welche er mit ihm eingegangeu.
Der Mönch tröstete ihn mit liebreichenWorten; und obschon er ihn für seinen leicht-sinnigen Pact mit dem Bösen scharf tadelte, sogab er ihm doch Hoffnung auf glücklichen Er-folg. Nachdem er den Leib seines Gastes mitTrank und Speise gestärkt, nahm er von seinerBrust eine silberne Kapsel, worin eine geweihteHostie eiugeschlossen war, und sprach: Bringdiese Kapsel dem Glockengießer, daß er sie indie glühende Glockenspeise werfe. Sie wirdnicht schmelzen im heißesten Feuer, ihre Kraftaber wird den Satan zu Boden ziehen, wenner den frevlen Sprung wagt.
Nicht sobald hatte Gericus diese Wortevernommen, als er sich mit derKapsel aufmachteund spornstreichs zu dem Glockengießer ritt,dem er nicht von der Seite wich, bis er miteigenen Händen die Kapsel in das kochendeMetall gesenkt hatte.^ Dann erst machte er sichauf und brachte seiner Tochter RegenbirgKunde von dem Geschehenen.
Da war Freude in der Burg, die auchselbst der Teufel mit seinem häßlichen Hohn-lachen nicht verscheuchen konnte; besondersfreute sich Regenbirg, daß ihr Vater nun mitfrohem Herzen und frischem Muthe der Stundeentgegensah, wo er mit dem Teufel in die Wettespringen sollte. Diese Stunde kam übrigensschneller, als sie erwartet hatte: Eines Tagesknarrte ein großer vierspänniger Wagen aufder Straße daher, die von Werden überGerresheim und Hilden nach Cöln führte,die heut zu Tage aber verschwunden ist. Aufdiesem Wagen standen drei Glocken aufrecht,und in der Mitte eine gar stattlich große. Kaumstanden sie vor der neuen Stiftskirche, so kamder Teufel zur Burg und mahnte den Gericusan seine Wette. Dieser meinte nun, die Glockenmüßten doch erst im Thurme hängen, ehe manan's Springen ginge.
Nichts da mit deinen Finten, sprach derTeufel; der Bischof von Cöln könnte mir heim-lich mit dem Weihwedel kommen und seinWasser drüber sprengen. Noch ist sie neu undvon Priesterhand nicht berührt. Auch soll esmir eben keine große Mühe kosten, sie hinaufzu bringen, darauf verlaß dich Gericus, denndu mußt wissen, daß unser eins mehr Kraft im klei-
nen Finger hat, als du und deine ganze Ritter- undKnappensippschaft in allen Gliedern und Gelenken.
Gericus ging mit dem Teufel hinab in'sThal, wo die Maurer und Steinmetzen, mitsammt dem Baumeister uni die neuen Glockenstanden und des Augenblicks harrten, wo Ge-ricus mit dem Teufel kommen würde, dennplötzlich hieß es überall: Es ist wahrhaftigwahr, Gericus und der Teufel springen umdie Wette vom Thurm herab. Auf den Bergenrings umher, auf den Eichbäumen und Fichtenhingen die Bewohner der Umgegend, die wievom Wirbelwinde hergeweht waren, um dasSchauspiel mit anzusehen. Die ganz Zuschauer-schaar zerfiel in zwei Parrheien; da gab esSachsen von jenseits der Anger, die trotz dessiegreichen Schwertes Karls des Großen nochdem Götzendienste zugethan waren, und Gläu-bige von diesseits. "Während die Sachsen inwilder Freude dem Siege des Teufels ent-gegen jubelten, klopften die Christen weinendan die Brust und flehten um Beistand für Gericus.
Den Teufel wurmte es nicht wenig, daßhüben und drüben so viele Zuschauer versammeltwaren, denn so sicher er auch immer seinerSache war, so hätte er sie doch lieber im Stillenabgemacht, damit die Leute des Teufels gewordenwären, ohne es zu wissen. Darum hüllte ersich fluchend in das Gewand der Unsichtbarkeit,ergriff mit der kralligen Hand die große Glockevom Wagen und schnurrte damit die Thurm-treppe hinauf, daß die scharfen Kanten von denSteinen abflogen, wie der Meblstaub in derMühle vom Beutel. Als Gerikus oben ankam,stand der Teufel schon bereit und hatte dieGlocke wie eine Schelle am Beine hängen. Die Un-tenstehenden sahen freilich nur die Glocke, Gericusund Regenbirg aber auch denjenigen, der sie trug.
Bist du fertig? herrschte ihm der Satan zu.
Im Namen des allmächtigen Gottes, Ja,antwortete Gericus, indem er einen Stab vorsich hin hielt, mit dem er seinen schwebendenLeib in den Lüften zu balanciren gedachte.
Nun so mach! brüllte der Teufel und zählte:Eins, zwei, drei.
Gleichzeilig sprangen sie vom Thurmehinab; die Glocke am Fuße des Teufels schlugin den Lüften mit dem Klöppel an, was grausigin dem Bergwalde wiedertönte. Mit Ent-setzen gewahrten die betenden Christen, wie weitdie fliegende Glocke über Gericus hinausflog,aber bald verwandelte sich ihre Angst inFrohlocken, denn mit unwiderstehlichem Gewichteneigte sie sich der Tiefe zu. Von Zeit zu Zeitgewahrte man an ihr ein Rucken und Ziehennach Vorwärts; eine furchtbare Kraft schien anihr zu zerren, ohne sie bewältigen zu können.