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[1] (1857)
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Zwar wußte sie nicht wo, aber ein unbestimmtes,leitendes Gefühl zog sie rastlos weiter, bis sieendlich an die Thore der Residenz gelangte.Hier war ihr die Zauberin erschienen und hatteihr Alles, bis auf den Tod von ihrem Sohnegesagt und sie bereitwillig zum Schlossegeführt.

Der König nahm die Alte huldreich undfreundlich aus; doch als ihm diese sagte wersie war und weshalb sie gekommen, da faßteihn Schrecken und tiefer Schmerz. Langsamund schonend bereitete er sie auf den Todihres Sohnes vor, bis er ihr zuletzt auchdiesen verkündete.

Die Alte schrie laut auf und verhüllteklagend ihr Gesicht. Die Prinzessin hatteden Schrei gehört; eine Ahnung durchflogihr Herz und alsbald kam sie herzu und alssie vom Könige die Bestätigung ihrer Ahnungvernahm, tröstete sic die Alte und weinte mit ihr.

Nun wurde die Mutter, die den Sohnzu sehen begehrte, von dem Könige und derPrinzessin gestützt nach dem Saale geführt,und eine Menge Hofleute folgte schweigend nach.

Die Alte fiel schluchzend über die Leicheher und überschüttete sie mit heißen Thränenund Küssen, und zuletzt sank sie gebrochen underschöpft am Lager nieder. Die Andern standenlautlos umher.

Da tauchte Plötzlich zu Häupten desTodten die Zauberin aus dem Boden empor.Sie war in ein langes dunkles Gewand ge-hüllt und in der Hand trug sie einen frischenNosenzweig. Alles wich erschreckt zurück.

Seit der Krankheit des Lucas war siedem Könige nicht mehr erschienen; er glaubteihren starren Sinn endlich gebrochen, und umso mehr überraschte ihn jetzt ihr plötzlicherseltsamer Auftritt. Die Zauberin trat, derMutter gegenüber, an die andere Seite desLucas und strich diesem mit der Hand dreimalüber die Stirn.

In diesem Augenblicke fingen die Pulsedes Erstarrten wieder ganz leise zu strömenan, doch er blieb unbeweglich liegen; nur wasum ihn her gesprochen wurde konnte er deut-lich vernehmen.

Die Zauberin schwenkte den Rosenzweignach den Versammelten und über die Leichehin und sprach:Seid getrost, er wird er-wachen, wenn er die Mutter zwischen vielenandern Weibern an der Hand erkennt!"

Die Mutter horchte freudig auf; sieklammerte sich beglückt an diese Hoffnung.Die Prinzessin aber erbebte. Der König suchte

mit scheuen Augen die Zauberin, doch diesewar verschwunden, wie sie gekommen.

Nun ließ der König in aller Eile eineMenge Frauen und Jungfrauen in das Schloßbestellen, die sich auch bald zu dem wunder-barsten Schauspiel einstellten.

Ein großer Theil der Frauen war inschwarze Gewänder gehüllt, und diese alle bil-deten für sich eine finstere Abtheilung; dagegenwaren die anderen alle weiß gekleidet, und dieseumgaben traurig, wie Engel des Lichts denTodten.

Die Mutter war nicht vom Lager desSohnes aufgestanden, erst als die weiße Schaarsich mehr und mehr versammelte, gesellte siesich zu dieser. Der König mit der Prinzessinund der ganze Hofstat hatte sich im Hinter-gründe aufgestellt.

Es fing zu dunkeln an; die Lichter imSaale brannten bereits und eine tiefe, ernsteStille senkte sich allmählig auf den Raum her-nieder. Man wartete noch und Niemandwußte warum. Da erschien wieder am Kopf-ende der Leiche die Zauberin, in derselbenWeise wie am Morgen. Eine Weile standsie da, unbeweglich, mit untergeschlagenenArmen, dicht in ihr Gewand verhüllt. End-lich gab sie mit dem Rosenzweige das Zeichenzum Anfänge.

Plötzlich erklang eine unsichtbare lieblicheMusik, in leisen Tönen, und die Frauenge-staltcn, die weißen mit den schwarzen vermengt,umzogen in weiten und immer enger werdendenKreisen die Bahre und faßten die Hand derLeiche. Die Prinzessin lehnte, vor Furchtund Erwartung athemlos, auf den König;die Zauberin stand unbeweglich da.

Zwischen den schwarzen Frauen hatte sichungesehen eine lange, hagere Gestalt geschlichenund diese hatte, sich immer vordrängend, schondreimal die Hand gefaßt und dabei leise ge-flüstert:ich bins! ich bins!" Doch Lucasblieb unbeweglich.

Immer neue Reihen kamen, schwellenderund lauter wurde die Musik, und immer wiederdrängte sich die hagere Schwarze flüsterndherzu; doch Lucas blieb unbeweglich.

Endlich kam die Mutter; inmitten zweierjungen Mädchen ging sie. Die lange Schwarzedrängte sich noch einmal vor, doch Lucas rührtesich nicht. Die Knie der Mutter wankten, ihrAthem stockte und die Sinne drohten ihr zuschwinden; aber mit Riesenkraft hielt sie sichaufrecht, denn die Zauberin sah ihr forschendins Auge. Jetzt war sie nahe, jetzt trat siean die Leiche heran die Prinzessin uuter-

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