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[1] (1857)
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Ein Schatten flog über Bertram's Ge-sicht; eS schien ihn zu verdrießen, daß Tuschenso Wenig Vertrauen in sein Wort setzte, aberdie schmeichelnde Hand der Gattin verscheuchtediesen Anflug des Unmuthes bald, und indemer sie mit beiden Armen umschlang, sprach ermit feierlichem Tone: So wahr mir Gotthelfe und du mein liebes Weib bist, ich schwöre,für immer von dem zu lassen, was dir ver-haßt ist! Wenn ich aber je wieder eine Karteanrühre, oder ein Brandtwcinglas an meineLippen setze, so mag der Satan Gewalt übermich haben und mit mir thun nach seinemWohlgefallen.

Da zuckte Tuschen zusammen und brachin einen Strom von Thränen aus, denn wiesehr sie auch die Festigkeit seines Willensfreute, so zitterte dcch der Schwur wie einUnheil verkündender Ruf in ihrer Seele wie-der. O, einen solchen gräßlichen Schwurhatte sie nicht gewollt; er deuchte ihr eineHerausforderung und Gotteslästerung. Mitschrecken gedachte sic der Möglichkeit, daßer zur Wahrheit werden könnte, und alsihr thränenumflortes Auge hinabschweifte in'sThal, da zeigte ihr die erhitzte Phantasie dieGestalt des Gottseibeiuns mit Schweif undPferdefuß. Klein und zwergenhaft stand erunten auf einem Düngerhaufen und grinzteschadenfroh hinaus. Seine Gestalt dehnte sichund er wuchs höher, bis sein gehörnter Kopfsich über die Eichen emporhob und allmähligdie Laube überragte. Dann langte er mit dermißgestalteten Kiauenhand herab, ergriff ihrenGatten bei den Haaren und entführte ihndurch die Lüfte.

Ein weithin schallender Schrei entfuhrihren Lippen, dann sank sie wie leblos auf dieMoosbank nieder. Bertram, der seine jungeFrau nie in einer solchen Aufregung gesehenund daS schreckliche Bild ihrer Einbildungs-kraft nicht kannte, erschöpfte sich vergeblich inVermuthungen über die Ursache ihrer Ohn-macht, die er indessen in seiner Angst für einenPlötzlichen Tod hielt. Händeringend warf ersich über sie her und rief: Tuschen, meinSuschen, mein Lieb, mein Leben, sterbe nicht!Da sie immer noch kein Lebenszeichen von sichgab, so nahm er sie in seine Arme und trugsie in das Haus. Lange lag sie bewegungs-los und Bertram kniete zu ihren Füßen, un-aufhörlich jammernd: Suschen, mein Suschen!Endlich sprang er auf beide Füße und schloßsic jauchzend in seine Arme, denn sie hatte dieAugen aufgeschlagen; aber ihr Blick war stierund brennend. Indem sie sich langsam erhob,

spiegelte sich Angst und Entsetzen in ihrenZügen und mit forschenden Augen suchte sieumher. Noch einmal streifte ihr Blick hinabin's Thal, dann flog sie mit ausgebreitetenArmen auf den Gatten zu und schloß ihnstürmisch an die heftig pochende Brust.

Damit schien ihre Kraft gänzlich gebrochen;sie sank auf das Lager zurück und eine schwereKrankheit hielt sie monatelang darauf zurück,denn ein heftiges Nervenfieber hatte sie er-griffen. Bertram wich nicht von ihrer Seite,Tag und Nacht widmete er ihrer Pflege undnur dann deckte aus Augenblicke ein flüchtigerSchlaf seine Augen, wenn die Natur gebiete-risch ihre Rechte geltend machte. Eine Mutterkann nicht liebender für ihr krankes Kind be-müht sein, wie Bertram cS für Suschen war.Die feinen Fühlfädcn der Liebe machten ihnzum Arzte und Krankenpfleger und all. dietausend kleinen Dienste und Handleistungen,die ein solches Amt mit sich bringt, konntennicht zarter, nicht inniger gegeben werden, wieer es zu thun verstand. Wohl füllten sichseine Augen oft mit schweren Thränen, wennsie hastig auffuhr und, geisterhaft um sichstarrend, mit den Händen in der Luft focht,unter grellen unverständlichen Rusen irgendein Phantom von sich abwehrend, aber dannschlich er bei Seite; denn die Gattin sollteseinen Kummer nicht sehen. Einmal fuhr sicin der Nacht empor, streckte den Zeigefingeraus und rief: Da, da, da ist er! Rasch, Ber-tram bete! Nein, nein, er soll dich nichthaben! Mich, mich soll er haben für dich!Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirne,er sank betend auf die Knie und flehte inbrün-stig zum Herrn um das Leben seines theurenWeibes. Auch Suschen faltete die Händeund bewegte schnell und immer schneller dieLippen. Als er sich erhob, reichte sie ihmlächelnd die Hand und sprach: So ist's gut!Nun schlafe Bertram, er wird nicht wieder-kommen, denn ich habe das Kruzifix nach ihmgeworfen.

Nach und nach verminderten sich diewilden Ausbrüche der Kranken und es tratallmählig die Genesung ein. Wie jubelteBertram, als er sein Suschen zum erstenmalhinausführte in den Garten, wo indeß dasUnkraut alle Wege überwuchert hatte. Aufseinen Arm gestützt schritt sie langsam daher,mit stillem Lächeln die Unordnung betrachtend,die während ihrer Krankheit überall überhandgenommen hatte. Vor der Laube blieb sieeinen Augenblick stehen, und fuhr mit derwelken weißen Hand über die Stirne, als