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[1] (1857)
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Noch aber hatte ich zu demselben eine be-deutende Strecke und war zu ermüdet, um nichtden Schatten einer riesenhaften Föhre zu benützen,die sich unfern des Wegraines zeigte, und ihrendichtbehängten Schaft, gleich dem stolzen Masteeines Schiffes, luftig und kühn über die weiteFläche erhob.

Bereits unter dem grünen Schirmdacheder gastlichen Föhre dahingestreckt, ließ ich mirdie kühle erquickende Luftströmung durch dieHaare spielen, als ein greiser Landmann, vonbiederem Aussehen, die Straße gewandert kamund ebenfalls den Schatten dieses Baumes zuseiner Erholung suchte.

Mit einem freundlichen Gruße setzte er sichan meine Seite, wischte sich den Schweiß vonder braunen gefurchten Stirne und ergoß sichbald in eine Lobrede auf den schönen Baum,der durch das Arom, das seine Nadeln verbreiteten,und durch die Kühle seiner Schatten uns Beidensolche Erquickung verschaffte, so daß ich ebenfallsin dasselbe einstimmte.

Ja, ja, sagte er, es würdigt wohl einJeder, der an diesem Baume vorübergeht, den-selben seiner Aufmerksamkeit, aber gar wenigewissen, welche märchenhafte Begebenheit sich anihn knüpft, deren Mittheilung sich wohl schondurch Jahrhunderte von Sohn auf Enkel ver-erbt hat.

Eine märchenhafte Begebenheit? fragte ich.

Ja wohl, und wenn Sie nicht abgeneigtsind, selbe zu vernehmen, so will ich sie Ihnenwohl erzählen, obgleich derlei Dinge wenig inunsere aufgeklärte Zeit passen. Meiner Mei-nung nach ist aber alles, was nur immer demVolke angehört und in dem Munde desselbenlebt, ob wahr oder erdichtet, immer werth auchder Zukunft aufbehalten zu werden, da es unsmeist einen klareren Begriff von der Gefühls-und Denkweise eines Geschlechtes giebt, alsalle Bücherschreiber, die ihr Wissen ge-wöhnlich nur aus bestaubten Papieren undtodten Buchstaben holen.

Ich muß Eurer Ansicht vollkommen bei-pflichten, versetzte ich, und in allen Zeiten wirdes Freunde solcher Ueberlieferungen geben, denendie Mittheilung derselben Vergnügen bereitet.An mir habt Ihr aber Einen getroffen, dendas Märchen, das in einem Volke lebt, vonjeher besonders ansprach, daher beginnt nurEuere Geschichte, indeß ich mit dem Hauptean den rauhen Stamm gelehnt, meine Augenin den srischgrünen Zweigen der Föhre schweifenlasse.

Als jener Thurm, begann hieraus der Land-mann, den Sie dort erblicken, und der zur St.

Margarethkirche gehört, noch nicht hinausragteüber die Kornfelder, Wiesen und Hügelreihen,die ihn umgeben, lebte in dieser Gegend einjunges Mädchen, das an Frömmigkeitdes Herzensund Lieblichkeit der Gestalt wenige ihres Gleichenhatte.

Kein Wunder daher, daß viele der jungenBursche sich um ihre Gunst bewarben. VorAllen aber war ihr Einer zugethan, der alsKnecht im Dienste eines Bauers stand undkeine Gelegenheit unversäumt ließ, ihr Beweiseseiner Zuneigung zu geben.

Wohl empfand auch das Mädchen in seinemHerzen eine geheime Neigung für den tannen-schlanken und treuherzigen Jungen, doch wiches sorgfältig jeder Annäherung aus, va es,selbst blutarm, als Magd bei einem Bauer,keine Hoffnung hatte, je ihm auf rechtmäßigeWeise angehören zu können.

Aeußerte nun gleich dieses Verhältniß eineschlimme Einwirkung aus den Burschen, indemdieser seinen Beschäftigungen nicht mehr mitdem gewohntem Eifer nachging und oft dielängste Zeit in träumerischer Unthätigkeit zu-brachte, so spornte es dagegen das Mädchenzu noch genauerer Beobachtung seiner häus-lichen Verpflichtungen an, um durch fortwäh-rende Thätigkeit das aufgeregte Gefühl seinesInneren zu beschwichtigen, und nie hatte seinDienstherr größere Ursache, mit seiner Magdzufrieden zu sein, als eben jetzt, obgleich er,ein alter, in der ganzen Umgegend verhaßterGeizhals, selbst die größte Aufopferung desMädchens eben nur als eine pflichtgemäße Schul-digkeit hinnahm, ja der Duldsamen sogar nochimmer größere Bürden auferlegte.

So mußte ihn seit einiger Zeit die armeMagd bei jedem Morgengrauen aus das Feldgeleiten und ihm dasselbe bestellen helfen, gleich-wie ein Knecht.

Auf dem Wege nach dem Acker mußten sienun jedesmal an dieser Föhre, die schon dazu-mal als ein starker Baum in die Lüfte ragte,vorübergehen.

So oft sie aber an die Föhre gelangten,sahen sie an dem Stamme derselben ein altesverkümmertes Mütterchen sitzen, daö ihnen einenfreundlichen Morgengruß bot und sie mit kläg-licher Stimme um ein Almosen anflehte.

Der hartherzige Bauer fertigte, fo oft die-ses geschah, die Alte mit mürrischen Worten ab,das mitleidige Mädchen hingegen konnte nichtumhin, ihr jedesmal die Hälfte ihres Morgen-brotes zu überlassen.

Hierüber erbost, schmähte der geizige Dienst-herr die Dirne, und als dieses nichts fruchten

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Märchen und Sagen viu.