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[1] (1857)
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Da hatte anfangs stille freundliche Zu-neigung, bald aber mächtig glühende Liebe dasHerz der Jungfrauen erfaßt und allnächtlichstanden sie, jede einsam, draußen auf den hin-ausragcnden Zinnen des Berges und blicktenin sehnsüchtiger Liebe hinüber nach den rosi-gen und schneebedeckten Alpengipjeln, in derenSchooße der Liebling ihrer Seele wohnte.Oft schon hatte er ihnen in trauten Stundenanvertraut, wie es ihm nimmermehr gefalle inden einsamen Thälern und rauhen Schluchtenseiner Heimath, wie er bcgchre, hinauszu-ziehcn in die weite, mcnschenbeoölkertc Welt,und ferne Städte und brandende Küsten undwogende Meere zu scharren.

So standen sie eines Abcndcs wieder aufden Warten deS Feldbergeö, und blickten hin-über nach den rosig umfluthcten Zinnen derAlpen und den silberglänzenden Gletschcr-mcercn, undplötzlick ist cs ihnen, als bewegtesich eine glitzernde Bergwand an den Haldendes Gotthards, zu dessen Füßen der geliebteSohn der Alpen wohnte, war ihnen, alsreckte er die riesigen Arme, das umkränzteHaupt aus fluchenden, krystallencn Giclfcher-wogcn zu ihnen empor, als riefe es mittenaus dem Brausen der anschwcllendcn Fluchenzu ihnen herüber, als sey er selbst zur silber-nen Fluch geworden, und stürze sich, wie vorfeindlichen Gewalten fliehend, schäumend undzischend und aufbäumend von Felsblock zuFelsblock, von Sckckucht zu Schlucht, vonThal zu Thal zu Thal, bis er auf einmal,wie der von der Meine verfolgte Edelhirschin der spregclhellcn Fluch des ferne schim-mernden See's verschwand. Aber siehe, wieder Hirsch mit der Kraft der Verzweiflung dieWoge durchschneidet, von Welle zu Welle sichdurchkämpft und endlich am rettenden Uferfreudig emporklimmt. so theilt der Jünglingmit jugendlichen Kräften die Wogen des See's,windet sich zwischen näher und cugerzusammcn-rückendcn Gestaden ringend hindurch, verschwin-det noch einmal in dem Schooße eines kleinern,stillcrn Wasserbeckens, und bricht endlich, strah-lend im Sonnenglanz der auftauchenden Mor-gensonne, siegreich hervor, zwischen bergendenUfern seine brausenden Wellen daherwälzcnd.Näher und immer näher kommt die rauschendeFlnth, stürzt sich kopfüber, schaumbedeckt, vonjäher Felswand in die gähnende Tiefe, rafftsich schnaubend, brandend empor von demkühnen Sturz, und zieht nun, wie ein stolzer,triumphtrender Sieger, in breiterem, behag-lichen Bette daher.

Höher steigt die Sonne am Firmamente

empor, noch stehen Feldbcrg's Töchter inbanger Erwartung auf ihren Zinnen, undhören nicht das dumpfe Aechzen deS Riesenin dem Schooße deS BergcS, nicht den bangenRuf des Vaters, der, wie das Stöhnen desFöhnwindes, über die kahlen Scheitel desBerges braust.

Sie haben vergessen, daß ihre Stundelängst geschlagen, sie haben vergessen, waSder greise Vater ihnen so oft warnend zuge-ruscn, sich vor dem Strahl der Sonne unddem warmen Odem deö Föhnwindes zu hüten,und vor des Morgens dämmerndem Erwachenin die sttlle Kammer des Berges zu fliehen.

Von ihren Augen rinnen die Thränender Freude, wie sie den Ersehnten von Ferneherankommen sehen, nicht ahnend, daß auch erzu ihnen herüberschauend, dem überraschendenFöhn zum Opfer geworden. Und wie Quellenrieselt'S aus ihren Augen, und wie Bächerinnt cs aus ihren wallenden Locken,- bissie, ganz zum krystallenen Quell zerfließend,in rasender, unaufhaltsamer Eile dem nahen-den Geliebten cntgegenstürzen. Jede will zu-erst ihn erreichen, jede zuerst sich in seine Armestürzen, nach allen vier Wcltgegendeu eilen siehinaus, jegliche den nächsten Weg suchend.Da stürmt die Eine hinunter durch dastannenumnachtcte, tiefgründige Bärenthal,mitten durch den dunkelbeschatteten Schooß desLitisee's hindurch jagt sie die brennende Sehn-sucht, gen Osten hin eilt sie, denn von Ostenher kommt ja der Alpensohn. Drüben von derKrvstallwand des Finsternarhornes springt aufeine Jungfrau, wie aufgeschreckt von bangenTraumbildern, mit flüchtigem Fuße ins Thal,der Jüngling, mit dem sie lange in trauterNachbarschaft in den Krystallkammcrn derHochalpen gewohnt, hat ja die traute Stätteihrer gemeinsamen Heimath und ihrer ersten,unbelanschten Liebe verlassen.

Ihm eilt sie nach, von Thal zu Thal,von Land zu Land, ihn will sie zurückhaltenin den heimischen Bergen; aber schnellerenFußes als sie eilt ihm FeldbergS Tochter zu,erreicht ihn wenige ^tund vor der Neben-buhlerin aus den Alpen, und wirft sich demHcraneilendcn brausend in die Arme. Abero weh, er ist ganz zur körperlosen, eisigenFluth geworden, in deren verschlingendenWellen die letzten Klagctöne der sterbendenJungfrau verhallen. Zugleich mit der Erstenwaren auch die vier andern Schwestern ingleicher Absicht hinuntergestürzt von der Höhe,von welcher aus sie nach dem Alpensohn indie Ferne schauten. Gerade nach Süden fliegt