175
Meister Wassermetz stand ungeduldig am Fenster,zu schauen, ob sein Schreiber noch nicht desWegs daher komme, sein Work zu halten. End-lich erschien Caspar und legte die Abschriftvor. Wassermetz traute seinen Augen nicht, denneine so saubere, korrekte Abschrift war ihm nochnicht vor Augen gekommen! Die Ges> llen wurdenherbeigcholt'und schlichen beschämt von dannen.Freudig zahlte Wassermetz den bedungenen Lohn,und bat den Schreiber, ihm ferner mit seinerArbeit beizustehen.
„Herzlich gern!" sagte Caspar, „und wennich mich ein wenig anstrenge, so sollt Ihr inden nächsten vierzehn Tagen noch zwei Ab-schriften haben!"
„Junges Blut, toller Much!" lachte derMeister, „wenn Ihr mir in der Zeit schon eineEinzige liefert, will ich gerne zufrieden sein!"
Hatte Caspar in den vorhergehenden dreiWochen schon wenig zu Hause gesessen, so thater in den folgenden schon gar nichts mehr!Die Abschrift der Psalmen war von dem Abtesehr gut beurtheilt worden und der Meisterhatte neue Bestellungen bekommen.
Die vierzehn Tage waren kaum vorüber,als der Schreiber die versprochenen beiden Ab-schriften dem Meister einhändigte. So zufriedenauch Wassermetz war, sah er doch als erfahrenerund geübter Mann ein, daß solches nicht mitrechten Dingen zugehen könne, allein der Meislerbeschwichtigte sein Gewissen, denn ihm galt dasGold von jeher mehr als alle guten Grundsätze!
Adetta bewunderte die Geschicklichkeit desSchreibers um so mehr, als sie ihm von Herzenzugethan war und auch Caspar keine Gelegenheitversäumte, ihr Beweise seiner Zuneigung zugeben.
Nach wenigen Wochen, welche Caspar wiegewöhnlich in der Herberge müßig verbracht,trat er eines Morgens mit einem schwerenFolianten in die Werkstätte und deckte vor denerstaunten Auge» des Meisters und der Geselleneine ganze Bibel auf, welche er in dieser kurzenZeit 'abgeschrieben haben wollte. Das war zuviel! Die Gesellen singen an zu murren undschworen hoch und theuer, daß solches nicht mitrechten Dingen zugche und Caspar mit demBösen im Bunde stehen müsse!
Der Meister nahm nicht ohne Grauen dieBibel in die Hand, allein auch diesesmal trugder Durst nach Gold wieder den Sieg davonüber sein Gewissen.
Meister Wassermetz hatte wohl bemerkt,daß seine Tochter dem Schreiber nicht gleich-gültig sei und in seinem Innern tauchte derPlan auf, Caspar durch Heirath mit seiner
Tochter auf immer an sich zu fesseln. Adettaliebte den Schreiber zu sehr, um die bösenVermuthungen der Gesellen theilen zu können,und auf ihre desfalsigen Fragen antworteteCaspar immer mit einer so ungebundenenLiebenswürdigkeit, daß auch der letzte Nestvon Mißtrauen aus ihrem Herzen schwand,und sie war hoch erfreut, als sie vernahm, daßCaspar endlich auf dringendes Bitten desMeisters sich entschlossen, in ihr Hans zu ziehen.Nur hatte sich Caspar ausbedungen, daß erzur Wahrung seines Geheimnisses allein aufseinem Zimmer arbeiten wolle. Caspar kamins Haus, änderte seine Lebensweise nicht,scherzte den ganzen Tag, lag Abends in derHerberge und dennoch lieferte er binnen sechsMonaten zwölf Bibeln und noch einige Psalterso daß der Meister der Hälfte seiner Gesellenden Abschied geben konnte. Meister Wassermetzverlor fast den Verstand über Caspars Treiben,der nie bei Tage arbeitete und auf des MeistersFragen nur antwortete: „Ob ich bei Tage oderbei Nacht arbeite, gilt Euch gleich! Wenn ichmir meine Schuldigkeit thue!"
Die Neugier ließ de» Meister nicht ruhenund eines Nachts schlich er hinauf vor CasparsKammer, um sich zu überzeugen, ob Casparwirklich zur nächtlicken Stunde arbeite. DerSchein der Lampe fiel durch das Schlüsselloch,der Meister horchte, guckte bebend und schautedurch eine kleine Ritze hinein in die Kammer.Was sah er hier zu seinem Erstaunen? Casparlag ruhig im Bette und erfreute sich einesgesunden Schlafes.
In der anderen Nacht schlich der Meisterwieder hinauf —der Schreiber schlief wieder.—
Die verabschiedeten erzürnten Gesellenerzählten unterdessen draußen Jedem der eshören wollte, der Meister Wassermetz habe einenSckreiber im Dienst genommen, der mit demBösen in Bunde stehe und mancher frommeChrist ging nicht mehr an des Meisters Hausevorbei, ohne sein Kreuzlein zu schlage».
Meister Wassermetz kümmerte sich wenigum das Gerede der Nachbarschaft, so sehr warer von dem Gedanke» eingenommen, das Ge-heimnis; seines Schreibers zu erfahren. Niehatte Wassermetz so blühende Geschäfte gemacht,er konnte nun die Bibeln und Psalter' billigerund sauberer als jeder andere liefern. Allesbot der der Meister auf an Ueberrednua undSchmeicheleien, um des Schreibers Gebeininißzu erforsche», allein vergebens! Umsonst hatteer die Tochter zu bewegen gesucht, ihm bei derErforschung des Geheimnisses behülflich zu sein.Adetta war dem Schreiber zu gewogen, um ihm