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[1] (1857)
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Kind geführt zu werden Pflegte, erblickte ichdas Kind, wie es neben andern Kindern, amAltäre stehend, die zwischen die Altarvorträgefallenden Choräle mitsang.

Ich weiß, daß ich unverwandt in ihr from-mes und wie verklärtes Gesicht und in die mäch-tig aufgeschlagcnen Augen gestarrt habe unddabei von einer unbeschreiblichen, aber michvollständig auflösenden Wemuth ergriffen ge-wesen bin und reichliche Thränen vergossenhabe. Auf diesen Zustand eigenthümlicher Rüh-rung und Zerflossenheit hat ohne Zweifel diegehörte Musik nicht wenig mit eingewirkt, be-sonders die einfach herzliche Weise zu einigenLicdesworten, einer kurzen Tonreihe, die wiesie mir jetzt noch deutlich nachklingt, aus dreinahe bei einander liegenden Noten und Halb-noten (d. Ir. und des.) besteht. Zu verschie-denen Zeiten haben mir diese Töne mit derganzen Macht, welche sie während jener Traum-liebe auf mich ausübten, mein Inneres wiedererfüllt. Bei der Erinnerung an dieselben habeich zu gewissen Zeiten leicht die ersten altenEmpfindungen und das Bild der wunderbarenAugen in mir wach rufen können. Später binich oft, noch als Student, wieder in dieselbeKirche gegangen, um wieder von Kinderstim-men denselben Gesang zu hören, ohne daß esmir gelungen wäre.

Aber der Eindruck dieses Kindcrgesichtes,und der eben so rührenden als einfachen Weiseist in jener frühen Zeit lange so lebhaft in mirgewesen, daß er mir im Schlaf Träume vonunbeschreiblicher Seligkeit und nicht mindervon dem tiefsten Tvdesleide vorgaukeln konnte.In ruhigstem Schlummer sah ich Plötzlich daSGesicht, hörte die Musik, und sofort warmeinePhantasie geschäftig, mich in das bunteste Aller-lei von Situationen und Semen zu ver-setzen, die lange anhielten, und trotz des all-mäligen Wechsels der Personen, Bilder undEmpfindungen, immer wieder zu der einfachenMusik und dem kleinen, treuen Gesichte zurück-kehrten. Die wenigen Töne waren allzeit die-selben, eben so hatte das Gesicht stets densel-ben Ausdruck, nur daß cs bald mir zu, baldmir abgewendct war. Wandte es sich ab, wo-bei zugleich die Musik verstummte, so durch-drang mich ein heftiger Schmerz, oft so, daßich im Traume zu sterben glaubte, und dannmit tiefen Athemzügen und in Schweiß gebadeterwachte. Für gewöhnlich aber befand ich michmit dem kleinen Gesichte und den süßen Tönenin einer ätherischen Atmosphäre und in rosigerBeleuchtung, wie Kinder sich wohl den Aufent-halt im Himmel vorstellen mögen, und schwelgte

in Seligkeit und Glück. Dann wieder saß ichmit meiner kleinen Begleiterin an einem mäch-tigen Wasser, dessen Spiegel sich ruhig undweit vor uns ausdehnte und aus dem dasBild des ausgehenden Mondes widerstrahlte,lieber uns bogen sich lichtgrünes Schilf undbunte Wasserlilien zu einer dichten Laube zu-sammen, die Musik erklang leise flüsternd, alswenn sie von dem in den Schilfblättern säu-selnden Winde herrührte, und wir saßen zu-sammen und hatten uns die Hände gegebenund lauschten aus Märchen, die Niemand er-zählte, und hörten aus die Musik, ohne zu wis-sen, woher sie stamme. Dazu hatte meine kleineGeliebte ihre Augen groß und wie zu einerbedeutenden Versicherung auf mich gerichtet,bis sie plötzlich von meiner Seite auf in dieLuft sich erhob, um im schwarzen, lang wal-lenden Gewände über den See Hinzuschwebenund dann in ihm zu versinken. Und wie sieversunken war, und ich in unsäglicher Herzens-angst auf die Wasserringe hinstarrte, die vonder Stelle, an der sie untergesunken, ausgin-gen, schwebten andere Gestalten, alle in schwar-zen, lang wallenden Gewändern und lautloshinter mir empor, Großmutter, Mutter, Tan-ten und Andere. Eine Zeit lang schwebten sieüber dem Wasser, und versanken dann in demWasser, eine nach der andern. Dabei war esunheimlich still um mich her, in der vor mirstehenden Mondesscheibc glaubte ich wieder dasgeliebte Gesicht zu sehen, ich hörte wieder dieMusik, und von Einsamkeit, Schmerz und Sehn-sucht überwältigt, versank ich endlich selbst inder Fluth und fühlte mich langsam und seligsterben. Mit andern ähnlichen Erscheinun-gen kehrte mir besonders diese in meinen Träu-men häufig wieder, doch mag es genügen, sieallein erzählt zu haben.

Außer in der Kirche habe ich, wie ich glaube,das kleine Mädchen nur noch einmal gesehen.Es war eines Abends spät, als ich noch vonmeinen Eltern ausgeschickt wurde, um einerBotin, die am entgegengesetzten Ende der Stadtwohnte, einen Brief, der andern Morgens frühmitzunehmen war, hinzutragen. Da ich nichtim Geringsten ängstlich war, so wählte ichdurch enge kleine Gassen zwischen Garten undKirchen hin den nächsten Weg und war fastschon am Ziele, als ich vor einem kleinenHäuschen vorbei zu gehen hatte, aus dessenoffner Thür Helles Licht auf die dunkle Straßefiel. Der Thür gegenüber angekommen, be-merkte ich, daß das Licht von eine», im Hin-tergründe des Hauses hell lodernden Heerd-feuer herrührt. Zugleich aber sah ich, daß