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[1] (1857)
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frischen Winde; der Rosenkranz hing schon anihrem Halse, die Lilie rnhte schon ans ihremHerzen und sie wußte nicht wie es geschehenwar. Sie fahre mit der einen Hand nachihrem diamantenen Rosenkranz und mit derandern nach der Lilie auf ihrem Herzen, dieaussah wie eine wirkliche Lilie, aber viel schönerduftete, und nur welk werden konnte, wenn siesie von ihrem Herzen verlor. Sie war so glück-lich über diese Schätze und darüber, daß ihrdie heilige Barbara erschienen war, daß sie ihrganzes Unglück vergaß und innerlich froh undvergnügt ward. Sie setzte sich wieder auf dieMarmorstufen nieder und überdachte alles das,was ihre Schutzpatronin gesagt hatte, dennschlafen konnte sie nicht mehr, auch war esschon weit in der Nacht und durch die hohenbunt gemalten Fenster graute der Tag. Alssie so "eine Weile gesessen hatte und es Hellerund Heller ward, da machte sie sich auf, umalle Herrlichkeit ringsum in der alten ehrwür-digen Kirche, woran sich ihre Augen seit ihrerKindheit geweidet, noch einmal zu sehen. DieThurmuhr schlug eben viere, daß rs durch dieweiten Hallen dröhnte, und nun waren es nochzwei Stunden eh' der Küster kam, um zurFrühmesse zu läuten, dann wollte Barbara fürimmer scheiden, denn sie hatte sich entschlossen,weit weg in ein fremdes Dorf zu gehen.

Noch einmal ging sie zur heiligen Mariahin, die in wunderbarer Schönheit, im Bildeknieend da lag, und von einem Engel, mitdem Himmelsgruße:Gegrüßt seist du Maria!"angeredet wurde. Noch einmal ging sie hin zuden drei Königen und dahin, wo Christus imGrabe lag und wo sie so oft in der Cbarwoche,mit allen Gläubigen gebetet hatte. Auch zumChore und zum Hochaltäre ging sie, auf welchemdie Decke von der Kaiserin Helena's eigenerHand gestickt lag zu der Wurzel Jesse, denGebeinen der dreihundert Märtyrer, und zuvieler andern Dingen, die ihr heilig und liebwaren.

Als sie nun so durch das Chor ging, undan die Sackristei kam, wo die vielen Meßge-wänder, Cborröcke und Priestermäntel hingenund Rauchfässer und Weihbecken am Bodenstanden, da war es ihr, als sähe sie durch'sGitter, welches die Sackristei verschloß, sich etwasregen hinter den Gewändern und als höre sieein leises Gemurmel. Aber wie erschrack sie,als plötzlich ein Mönch im langen schwarzenRocke und mit einem dreieckigen Hute auf demKopfe, mit fahlem, erdfarbigen Gesichte dasihr kaum einem menschlichen ähnlich schien,vor ihr stand. Er starrte sie an mit hohlen,

gläsernen Augen, und machte mit der Handeine drohende Gebehrde.

Ach du mein Gott, sagte Barbara vorSchrecken blaß, ich thue hier nichts Böses, ichkam um zu meiner Schutzpatronin der heiligenBarbara zu beten, da ward es spät und manschloß die Thüre zu.

Fürchte nichts, erwiederte der Mönch, ichbin ein Unglücklicher, der verdammt ist fürvergangene Verbrechen aus dem Grabe aufzu-stehen, und bei nächtlicher Weile umher zuirren. Die Menschen hielten mich für frommund heilig und man begrub mich in diesemTempel, weil ich vor den Augen der Welt eingottseliges Leben führte. Aber der, der Augenhat wie Feuerflammen und in das Verborgenstehinein sieht, kannte alle meine Thaten, sie warenböse und lassen mir im Grabe nicht Ruhe.Einst, als ich, ein frommer Knabe, mich demDienste des Herrn gelobte mein Lebenlang,da weihte ich mich der heiligen Barbara, diegab mir einen Rosenkranz von Steinen, dieleuchteten wie Diamanten und Rubinen undeine Lilie, die war weiß und glänzend wieder Schnee.Die Lilie trage auf deinemHerzen, sagte sie, und den Rosenkranz um deinenHals. Diesen wird man dir einst rauben unddu wirst nicht wissen, wie es geschehen ist, aberjene verwahre wie deine heiligste Reliquie bisan's Ende deines Lebens, keine Macht der Erdekann sie dir rauben und du verlierst sie nuraus eigener Schuld." Lw sprach sie, abermeine Wege gingen dem Bösen nach; ich vergaßdie Lilie auf meinem Herzen, achtete nicht aufsie, und bald war sie verloren, noch eh' mirder Rosenkranz geraubt war, und nun steigeich allnächtlich aus dem Grabe, in welchem ichkeine Ruhe finde und suche meine Lilie meineverlorne Lilie wieder.

So sprach der Geist mit hohl dröhnenderStimme, und als er das gesagt hatte, hob sichein Stein unter seinen Füßen, ein tiefes Ge-wölbe öffnete sich und er stieg hinein. DerStein bedeckte das Gewölbe wieder und dieerschreckte Barbara sah nur die einfache Stein-platte, über welche sie so oft hingeschritten war.Der Stein schien so fest gemauert, als wenner schon Jahrhunderte auf seiner Decke getragenund niemals aus seinen festen Fugen gerissenwäre. Zum ersten Male bemerkte sie Figurenund Inschriften auf diesem Steine, die sieweder lesen noch verstehen konnte und in derMitte stand mit großen Lettern der Wahlspruchder Trappisteninemeiito mori!"

Hui! wie es Barbara graute, trotz demHellen Tage und der Morgensonne, die jetzt

Märchen und Sagen VI.

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