Druckschrift 
[1] (1857)
Seite
136
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

136

den prachtvollen Hochaltar, auf welchem eineDecke von der Kaiserin Helena eigener Handgestickt lag, vorbei, zum einsamen Altäre ihrerSchutzpatronin. Hier warf sie sich auf dieKnie nieder und betete so inbrünstig, daß siealles vergaß und nicht einmal bemerkte, daßes dunkel, ganz dunkel zu werden begann. Sie jwollte sich entfernen, und eilte zum Hauptein-gange hin, aber da war alles verschlossen, alleMenschen, und sogar der Küster, der immerbis zuletzt blieb, hinaus. Letzterer mußteBarbara nicht gesehen haben, da sie sich ganzheimlich zu ibrem Lieblingsorte geschlichen hatte. ,Was sollte sie nun anfangen! MancheAndere würde sich entsetzt haben, eine Nachtin der dunkeln Kirche zuzubrmgen, wo nur dieewige Lampe brannte, und rings umher wun-derbare Gestalten und Bilder standen, die, vondiesem matten Lichtschimmer erleuchtet, einunklares, gespensterhaftes Ansehen erhielten,oder wo gar die große Gestalt von Bronze,vorne am Eingang,' die Siegfrieds Kampf mitdem Drachen vorstellte, jetzt wie ein wirkliches,leibhaftiges Gespenst anzusehen war. AberBarbara war nicht furchtsam und verzärtelt,wie die Kinder glücklicher Eltern es oft sind.Ich will die Nacht hier schlafen, sagte sie ruhigvor sich hin, ich wußte ja doch nicht, wo ichbleiben sollte, es ist besser hier als unterfreiem Himmel Und als sie das gesagt hatte,tappte sie nach der heiligen Barbara zurück,legte sich aus die Stufen ihres Altares nieder,und ihren Bündel unter den Kopf. So wolltesie einschlafen; der Decken bedurfte sie nicht,denn es war eine laue Sommernacht.^Hei-lige Mutter Gottes! heilige Barbara, bitt' fürmick!" betete sie noch einmal fromm undinnig, und dann schlief sie ein, als wenn sieauf Rosen gebettet und ein Daunen-Kissen unterihrem Kopfe gelegen batte. Ihr träumte, siewäre weit, weit weg, von Tanten, vom Dome,von Rüters Victor, der heiligen Barbara undAllem was ihr lieb, in einer großen, großenWüste, wo nichts als Sand und Hitze und keinWasser und keine Menschen waren. Sie ver-schmachtete fast vor Durst, und hatte Sehn-sucht und Heimweh nach dem Orte wo sie ge-boren war, da ward sie so traurig daß sie lautweinte und davon erwachte. Aber o Him-mel! was war das! und wie erschrack sie, alssie die Augen aufschlug, und sich von einemwunderbaren Lichte umflossen sah. Mitten indem Lichte stanv eine Frau von so wunderbarerSchönheit, daß Barbara fast geblendet ward,denn ihre Augen leuchteten wie die Sonne, undvon ihren Schultern fiel ein langer Wolken-

mantel nieder. Sie trug ein Diadem vonSternen und eine Krone, die war roth undgolden wie das Abendroth. Mit der Linkenhielt sie den Mantel, und in der Rechten einenRosenkranz von Steinen, die wie Diamantenund Rubinen glänzten, und eine Lilie, welcheweiß war wie der Schnee.

Ach, wer bist du? fragte Barbara, habeErbarmen mit mir, ich kann deinen Glanz nichtertragen, denn ich bin nur eine arme Waise,die heute von bösen Leuten aus dem Dienstegeschickt ist, und noch nie habe ich Jemand soVornehmes gesehen als du bist-

Ich gehörte einst der Erde an wie du, er-wiederte die Göttliche, und starb auf ihr einesblutigen Todes. Aber mitten unter den Mar-tern des Henkers sah ich den Himmel offen,ein Engel öffnete mir die Arme entgegen undtrug meine Seele zum himmlischen Paradiesehinauf, wo ich ein seliges Leben führe, und niemehr der vorigen Qualen gedenke. Dort beteich für Alle, die sich in meinen Schutz begeben,und wache über sie. Auch über dich wachteich, armes Kind, und freute mich, wenn du dichhier vor meinem Altar niederwarfst und in-brünstig betetest, denn wisse, ich bin Barbaradeine Schutzpatronin.

Barbara! heilige Barbara, rief das er-schreckte Mädchen, außer sich vor Freude, bistdu von deinem Himmel zu mir herab gekommen?Ach wie danke ich dir! Nun will ich gerne nocheinmal so viel leiden als bisher, da meineAugen dich in deinem himmlischen Glanze ge-sehen haben! O reiche mir deine Hand, damitich sie an meine Lippen drücken und küssen kann!

Rühre mich nicht an, entgegnete die heiligeBarbara, denn meine Gestalt ist wie die Luft,keine menschliche Hand vermag mich zu erfassen-Aber nimm diese Lilie und diesen Rosenkranz,die eine trage auf deinem Herzen und bewahresie als die heiligste Reliquie bis an's EndeDeines Lebens. Wenn dann deine Augen mattwerden und du von der Erde scheiden mußt,dann erscheine ich dir wieder, um die Lilie zu-rückzufordern und als Lohn, wenn du sie treubewahrt hast, dich zu mir in den Himmel auf-zunehmen. Den Rosenkranz schlinge um deinenHals, er ist von glänzendem Gestein, aber duwirst ihn nur kurze Zeit besitzen, denn ein Adler,der unsichtbar in der Luft schwebt, wird ihn dirrauben, und du wirst nicht wissen, wie es ge-schehen ist. Bekümmere dich aber nicht deshalb,denn so lange du die Lilie bewahrst, bin ich dirzur Seite.

Als sie das gesagt hatte, verschwand sie.Barbara fühlte sich umweht von einem leisen