Jonas aus dem Leibe des Walfisches errettethat. —
Da saß sie nun lange, lange, bewacht vonvon einer alten Hexe, die ihr täglich rohe Fischebrachte, und dachte an den Dom und an dieheilige Barbara und an Victor, der ihr Nüsseund Aepfel gebracht, der ihr schöne Geschichtenerzählt und ihr die Gebeine der drei hundertMärtyrer und die Wurzel Jesse gezeigt hatte.Und wie sie eines Tages wieder so saß, dieHand unter dem Kopfe, und nach der Blumeihres Herzens sah, da hörte sie ein leises Flüsternan einer Spalte der Höhle; es wurde immerlauter und lauter, bis sie zuletzt ganz deutlich„Barbara" sagen hörte. Sie stand auf, legtedas Ohr an die Spalte und fragte dann mitleiser Stimme, wer da sei? „Es ist Victor,der dich erretten will", sagte es von außenherein, und darauf begann ein kräftiges Stoßenund Bohren, daß dw erstaunte Barbara nichtwußte was sie vor Verwunderung anfangensollte. Endlich war ein großes Loch gebrochen,so daß sie hindurch konnte. Komm getrost her-vor, sagte Victor, ich trage dich durch dieschäumenden Flurheu, die heilige Barbara, deineSchutzpatronin besieht dir's. — Aber sie zitterteso sehr vor Freude, daß sie erst ein wenigwarten und sich erholen mußte, denn sie sahdas Helle Tageslicht wieder und Victor, der sogroß und schön geworden war, daß sie ihn fastnicht wieder erkannte. Er kam jetzt zu ihr indie Eishöhle und erzählte wie es in Xantenseit ihrer Abreise ergangen und wie er zu ihrerRettung gekommen sei.
Ich war sehr traurig, als du fort warst,sagte er, Niemand wußte wohin du seiest, nurdaß du ani Abend vorher bei der heiligenBarbara gebetet hättest, das wußte man. Ichdachte immer an dich und als ich die Lehrzeitbei meinem Meister zu Ende batte und alsGeselle in die Welt reiste um mir Arbeit zusuchen, da fragte ich überall, aber Keiner wußtevon dir. Nun geschah es, daß ich zur St. JohannesKirmes nach Hause kam und nach der Vesper inden Dom ging. Nach der Vesper, dachte ich,war es, wo Barbara zum letzten Male hin-ging. Ich kniete vor den Altar deiner Schutz-patronin nieder und betete viele Paternoster,daß Gott mir die Gnade gebe, dich endlich zuentdecken. Da sah ich mich plötzlich von einemwunderbaren Lichte umstrahlt, und als ich michumsah, stand eine Frau, die schön war, wie dieheilige Barbara selbst, hinter mir.
Erschrick nicht, Jüngling, sagte sie zu mir,ich komme dir zu sagen, wo deine Barbarageblieben ist. Der listige Rheinkönig hat siehinunter getragen zu den Tiefen des Rheines,wo man ihr die Lilie und den Rosenkranz,welche ich ihr anvertraute, rauben wollte. Aberkeine Lockungen des Bösen vermochten die Lilievon ihrem Herzen und den Rosenkranz vonihrem Halse zu reißen. Barbara blieb stand-haft und dafür schmachtet sie in einer finsternHöhle, wo sie von einer Hexe bewacht wirdund wo Wasserratten ihre einzige Gesellschaftsind. Doch die Stunde ihrer Rettung hat ge-schlagen. Eile um die Mittagsstunde zum Rhein,stürze dich muthig hinein, wo er am tiefsten ist,dein Leben wird erhalten bleiben, denn ich be-gleite dich hinab in die Tiefe, und die heiligeMutter Gottes sendet ihre Engel, daß sie dirzur Seite stehen und du mit Barbara zurück-kehrst zu unserer und aller Guten Freude.Wenn du Glauben hast, so eile hinab und essoll dir kein Haar gekrümmt werden.
Die Wunderbare war verschwunden, sagteVictor weiter, aber ich zögerte nicht länger undstürzte mich hinunter. Da fand ich dich, meineBarbara, meine liebe verlorene Barbara wie-der, und er umarmte und küßte sie. Danntraten sie die Reise an durch die schäumendenFluthcn. Es währte nicht lauge, so waren sieam Ufer, denn die heilige Barbara beschützteund behütete sie, so daß sie unbeschadet hindurchgingen. O, wie glücklich waren sie, als sie dasHelle Tageslicht wieder sahen, und den Fuß aufheimathlichen Boden setzten. Dann gingen siein die Stadt und zuerst zum Dome hin, wosie vor dem Altäre der heiligen Barbara frommdie Hände falteten und ein Dankgebet für dieerlangte Rettung hinaufschickten.
Und nun ging Victor nicht mehr in dieWelt hinaus; er hatte ein nettes Sümmchenvon seinen: Vater geerbt und damit wollte ersich als Meister niederlassen. Barbara wardseine Hausfrau; sie liebten sich treu und lebtenbis an's Ende ihres Lebens froh und vergnügt.Der Rosenkranz aber war verschwunden, undBarbara wußte nicht, wie es geschehen war,gleich wie die Jugend und die Schönheit dahingehen, ohne daß man es gewahrt; es geschahalles, wie es ihre Schutzpatronin gesagt hatte.Aber als sie nun alt waren und starben, dawuchs auf Victors Grab ein grüner Palm-baum und auf Varbara's eine schneeweiße Lilie,und Niemand wußte, wer sie gepflanzt hatte
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