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Standes nicht, und so mußten sie von Ortzu Ort, von Thür zu Thür wandern, um ihrLeben elend zu fristen.
Endlich nahm ein wohlhabender Hirt denältesten in Dienst und gab dafür den andernObdach und Brod.
Der Netteste unterwarf sich der Niedrig-keit des Standes und da die Nothwendigkeitihn zwang, erlernte er bald die Verrichtungeneines Hirten kennen.
Sein Herr gewann ihn lieb und vertrauteihm bald eine große Heerde an, mit der einesTages in die Ferne zog.
Er war freundlich und liebreich gegenJedermann und bald hieß er allgemein „derschöne junge Hirt."
Im Herzen trug er blutigen Haß gegenden König; doch er fühlte sich wohl, wenn ermit seiner Heerde durch die blühenden Flurenzog, und die herrliche Natur verdrängte zuZeiten den Gram über das Geschick derSeinigen.
So kam er einst auf seiner Wandrung indas Land, das früher sein Vaterland gewesenwar, und auf die Stelle, wo einst das prächtigeKönigsschloß gestanden hatte.
Er erkannte die Gegend nicht wieder, dockahnungsvoll durchschauerte es ihm dort dasHerz, und der Haß, den er auf seinerWandrung eingewiegt hatte, bäumte sich ge-waltsam empor.
Er ließ die Heerde länger, als er wollte,zwischen den Felsen herum streifen und ver-lor sich in tiefen Gedanken. —-
Es wurde Abend; der Mond stieg imvollen Glanze empor und eine lautlose Stillesank auf die Flur hernieder und auch in dasHerz des Hirten zog die Ruhe ein.
Er trieb seine Heerde in eine Schlucht,setzte sich am Eingänge derselben auf einenFelsblock und sah mit starren, feuchten Blickennach dem Monde.
So saß er manche Stunde; es mochteMitternacht sein, da hörte er plötzlich dieKlänge einer Laute, die in unendlich sehnsüch-tiger Weise sein Herz erfaßten.
Er wunderte sich, m der Wlldmß einInstrument zu hören, daß nnr Königstöchterund Sänger zu handhaben wußten; dabeilauschte er nach allen Seiten, denn bald schienes ihm, als ob die Klänge aus der Hohe herabrauschten, dann wieder, als wenn sie der Erde
entstiegen. ..
Nach einiger Zeit verstummten die Klange;der Hirt erhob sich und legte sich unweit seinerHeerde zur Ruhe hin.
Doch er schloß vergebens die Augen, dennimmer schwirrten die Klänge noch durch seinOhr und hielten den Schlaf ihm ferne.
Aber Plötzlich hörte er von Neuem dieLaute und Heller als zuvor, und nach Augen-blicken vernahm er sogar eine leise, wundersameStimme, die folgendes Lied sang:
„Die Königstochter gefangen saß,
„Bewacht von Drachen und Zwergen;
„Es zogen viel edle Ritter aus„Und suchten sie zwischen den Bergen."
„Doch Keiner fand die schöne Maid;
„Krank sitzt sie auf prächtigem Throne.
„Dem giebt sie, der sie einst befreit„Sich selbst und auch ihre Krone."
„So schleicht sie nächtlich, todesbleich,
„Im Arme die goldene Leier,
„In ihres Berges düstrem Reich„Und harrt auf ihren Befreier." —
Als das Lied beendet war, sprang derjunge Hirt schnell empor; spähend sah er hinterjeden Stein und Strauch, um die Sängerinzu entdecken.
Doch sein Suchen war vergebens. Derneue Morgen fand ihn inmitten seiner Heerde,die er bereits aus der Schlucht getrieben hatte.
Er zog aus der Gegend fort, doch schonnach wenigen Stunden sah er sich auf derselbenStelle, und als er sich mißmuthig halb undhalb erstaunt zur Seite wendete, stand vor ihmeine Blume, wie er sie niemals gesehen hatte,an Pracht der Farbe, wie an wunderbarerBlätterfügung.
Er betrachtete sie eine Weile, dann bracher sie ab und steckte sie an die Brust.
Plötzlich durchdrang sein Herz ein namen-loses, nie gekanntes Gefühl, das ihm dasBlut wild durch den Körper jagte.
Es war ihm, als hörte er immer diezanbrischen Töne des Liedes und mächtig fühlteer sich fortgezogen, als wenn er an unsichtbareFäden gefesselt wäre.
Er widerstrebte mit aller Macht dem Ge-fühle und trieb seine Heerde schnell seitab.
So zog er den ganzen Tag umher, undals es Abend wurde und der Mond wiederempor stieg, beschien er auf derselben Stelle,wie am letzten Abend, sein bleiches Gesicht.Da war er auch nicht mehr Herr seinesWillens; immer mächtiger zog es ihn vondannen.