Druckschrift 
[1] (1857)
Seite
42
URN (Seite)
  
Einzelbild herunterladen
 

42

Der Nimmersatt.

holländisches Märchen von W. Herchenbach.

In Holland lebte ein Bauer, der war ,nie zufrieden, wie reich auch die Erndte ausfallen ?mochte. Immer dachte er, es hätte doch noch >mehr sein können, und er grämte sich stets,wenn er sah, daß es einem Nachbarn gut ging,darum mochte ihn Niemand leiden im ganzenLande, und Jedermann nannte ihn nur denNimmersatt." !

Da geschah es eines Tages, daß Nimmer-satt im Felde Gerste mähte und mit dem Luchtbeinahe ein Lerchennest, auf dem die Mutterbrütend saß, entzwei gehauen hätte. O weh,sprach die Lerche, nun ist alle Lust des Lebensdahin, wenn du dich meiner und meiner Eiernicht erbarmst. Ich bitte dich, lasse mich lebenund trage mich mit dem Neste in jenen Buschdort.

Nimmersatt scheerte sich nun außerordent-lich wenig um das Leben einer Lerche und eshätte ihm eben nicht viel Ueberwindung gekostet,sie mit seinen dicken Schuhen zu zertreten, aberer rechnete so: Eine Lerche, welche, wie einMensch, sprechen kann, ist ein gar absonderlicherVogel, und es müßte sonderbar zugehen, wenn ichdaraus nicht meinen Nutzen ziehen könnteMeinliebes Lerchlein," sprach er also,umsonst istder Tod, und der eigentlich nicht einmal, weiler das Leben kostet; so du mir also mit gutemWerk erkenntlich sein willst, so magst du lebenund ich will dich behutsam in jenes Gebüschtragen."

Da war die Lerche froh und zwitscherte:Wohl will ich dir erkenntlich sein mit gutemWerk, sage nur, was du von mir verlangst,es soll gewährt werden; nur Eines muß ichdir sagen: Gold und Gut zu geben steht nichtin meiner Macht.

Kannst du nicht Geld und Gut geben,so sind deine Worte eitel Prahlerei," sprach derBauer,denn darnach steht mein ganzes Sinnenund Denken von Jugend auf."

Sei versichert, zwitscherte traurig dieLerche, daß du alles andre von mir erhaltenkannst. Ach, tödte mich nicht I

So will ich nach Hause gehen und mitmeiner Frau Rath nehmen, was ich von dirfordern soll," sprach der Bauer, schwang dasSicht auf die Schulter und eilte von dannen.

Als er nun seiner Frau, die nicht wenigernimmersatt war, als er selbst, die Geschichtevon der Lerche erzählt hatte, da rieb sich diesevergnügt die Hände und schmunzelte: GuteGedanken kommen am besten über Nacht. Laßuns die Sache beschlafen und dann morgender Lerche unsere Forderung stellen.

Sie legten sich darauf zu Bette, ein jedesin seine Gedanken versunken, wie der armenLerche am meisten auszupresseu sei. DerNimmersatt that kein Auge zu und quälte sichderart mit Nachdenken ab, daß ihm der Schweißvon der Stirne lief, aber jedesmal, wenner einen glücklichen Einfall hatte, dannmußte er denselben wieder verwerfen, weil esam Ende doch immer auf Geld und Guthinaus lief. Seine Frau aber, eine rechtdicke, feiste Holländerin, konnte sich nicht sehrlange des Schlafes erwehren; während ihrMann sich mit dem Bettlaken unter schwerenSeufzern den Schweiß von der Stirne wischte,schnarchte sie laut, und dieses trug nicht wenigdazu bei, seine Ideen zu verwirren. Mißmuthigstieß er ihr mit der Faust in die Seite undsprach:Ich sehe wohl, daß dir wenig anunserer Zukunft liegt; kannst du dir nicht eineStunde lang den Schlaf vom Leibe halten,um unser Glück zu erdenken?"

O, ich denke schon gab sie im Schlafezur Antwort, und schnarchte weiter.

Als nun die Sonne zum Fenster herein schien,da sprang der Bauer aus dem Bette und warum kein Haar klüger, als am Abend vorher.Seine Frau aber fragte ibn: Nun, was wirstdu bei der Lerche ausbitten?

Dickes Fell," gab er zur Antwort,hastdu mir nicht mit deinem abscheulichen Schnar-chen alle Gedanken zu Schanden gemacht?"

Hm, sprach sie hinwieder, ein gesunderSchlaf und gutes Essen und Trinken haltenLeib und Seele zusammen, und mir ist esallemal so, daß mir die besten Gedanken imSchlafe kommen.Nun Alte," sprach der Bauerhöhnisch,so hast du wohl sicherlich heute Nachtden besten Gedanken von deinem ganzen Lebengehabt."

So scheint es mir auch, entgegnete sie,denn alles was wir wünsche» können, ist immer