beendet; die nöthigcn Vocabeln und diezweilelateinische Dcclination hatte der Vater Fritzensüberhört. Jeder bekam fünf Groschen Reise-geld und mit diesen fürstlichen Reichthümernin der Tasche eilten sie srühlingshciter undjugendselig vors Thor.
Denn ein so schöner Maicntag war bis-her noch nicht dagcwesen. In allen Gebü-schen plauderten und sangen und kosten amstillen Abend und am frischen Morgen tau-send Nachtigallen; durch das Laubdach mitdem wunderbar frischen Grün, dessen bloßerAnblick Lebenslust ins Gemüth senkt, schiendie Sonne goldig und warm und verklärtegleichsam das Laub mit zartem Glanze; durchdie Lust strich jene wundersam balsamischeWärme, die belebend in alle Nerven des Leibesund des Geistes dringt und dem letzten Restedes winterlichen Gefühls ein Ende macht. AlleWälder und Wiesen hatten schon ihren voll-ständigen Frühlingsschmuck angelegt; auf allenAuen blühte und duftete es, und in dem schö-nen Hellblau des Firmamentes flatterten nurwenige Lämmerwolken.
Die jugendlichen Herzen empfanden dieganze Maiwonne in ihrem Busen, ohne sicheben in die Schönheit der Natur tief zu ver-senken. Bald waren sie am Rheine. Ebenwar die große Fähre vom Ufer gestoßen:welche Wonne, mit Fug und Recht in einenleichten Nachen steigen zu dürfen! Nicht lange,so glitten sie auf dem grünen klaren Wasserschnell dahin. Ein eben vorübcrfahrcndesDampfboot erzeugte jene breiten Wogen, wel-che den schmalen Nachen stark heben undsenken: auch bei völliger Sicherheit spürtman doch die Möglichkeit einer Gefahr, unddies ist der Grund, warum die kleine und diegroße Jugend des schönen und unschönen Ge-schlechtes dies Schaukeln und Schweben desNachens so sehr liebt. Unsere kleinen Heldenwaren in dieser gefahrlosen Gefahr ganz selig:es war ja ein leiser ferner Anklang an Aben-teuer, und wonach konnten sie sehnsüchtigerverlangen, als nach diesen?
Bald sprangen sie ans Ufer. Fröhlicheilten sie das Dorf entlang durch die liebli-chen Obstbäume, in denen noch der Rest derBlüthen das immer reicher hervorquellendeLaub in einfacher und doch reizender Farben-mischung schmückte. Aus dem Landwegebrannte ihnen aber die Sonne tüchtig auf denRücken, und da ihr Schritt nicht eben lang-sam war, so lief ihnen bald der Schweiß inHellen Tröpfchen die Stirne herunter. Aberdas kümmerte sie nicht. Noch keine Stunde
waren sie von Hause, da schritten sie schonmunter, wenn auch etwas ermattet, durch dieGassen des großen Dorfes am Fuße des Ber-ges, der das Ziel ihrer Wanderung sein sollte.Hier mußte gerastet werden. Zum erstenmalestiegen sie ganz allein, ohne Begleitung derEltern, die steinernen Stufen vor der Haus-thür hinan und durchschritten unaufhaltsamdrei Zimmer, bis sie sich in einer Art Pavillon,der hinten dicht ans HauS stieß, und mit zweiSeiten nach dem Garten ganz offen war, nie-derließen. Lächelnd war ihnen die alte gut-müthige Wirthin gefolgt, um ihre Wünschezu vernehmen. Diese waren sehr bejcheiden.Bald erschien die begehrte Erfrischung, zweiGläser Milch mit dem dort üblichen ländli-chen Weißbrod. —
Das einfache Mahl hatte trefflich gemun-det; sie bezahlten, natürlich jeder für sich allein,und stiegen neu gestärkt den Berg hinan. DerWeg wand sich neben der Kirche hinaus: zu-erst einige Felder, dann dichtes dunkles Ge-büsch, dann eine freie Stelle mit viel Stein-geröll, wieder dunkelster Wald, durch den dieSonnenstrahlen ihre zitternden Lichter warfenund so jene wundersame magische Dämmerungerzeugten, die so heimlich und traulich, unddoch so erhebend zugleich, sich tief ins Gemüthhineinsenkt. Gesprochen ward nicht viel: dertiefe Ernst ihrer Reise, die Strapazen desSteiaens, das hohe Gefühl ihrer Selbststän-digkett füllte so ganz ihre kleinen Herzchen undKöpfchen aus, daß sie höchstens, wenn sie antiefdunkeln Stellen einen Augenblick rasteten,einige Worte wechselten oder schöne Mai-blumen pflückten.
Nun hatten sie die Windung des Wegeserreicht, von der sich eine herrliche Aussichtöffnet über das Rheinthal hin: einen Momentstanden sie und schauten. Dann wandten siesich; nur wenige Minuten noch durch den ho-hen Fichtenhain auf der Gipfelstäche — undsie standen an der Spitze des Berges mit demweißen Häuschen und dem fast berauschendenBlicke in den schönsten Theil des Thales, dawo der Fluß aus dem Schiefcrgcbirge heraus-tritt. Das Thal wird hier immer weiter undbreiter; die Vorberge drüben der Eifel, hübendes Westerwaldes und Sicbcngebirgcs tretenmehr und mehr zurück, bis endlich am Nieder -rhein, der hier beginnt, rings umher sich nurdie weiten unpittoresken Uferflächcn auszu-breiten anfangcn. Das Siebengebirge lagertestolz dicht vor ihnen, keine zwei Stunden ent-fernt, noch im halbröthlichcn, doch schon insfrische Grün spielenden Gewände, hie und da