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[1] (1857)
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Von dem unverwesbaren Grasen.

Märchen von I)r. Johann N. Vogl.

W>s mochte schon nahe an Mitternachtsein, als noch drei lustige Brüder in dem Schenk-hause zur feinen Mark in Lübck, unferne derKatharinenkirche, saßen, und noch immer demGrog tapfer zusprachen.

Diese drei durstigen Gesellen waren deralte Todtengräber vom Katharinenfriedhofe,Namens Gräber, der Hochzeit-und LeichenbitterSchneeweiß und der Küster an der eben er-wähnten Kirche, Falsarius.

Der Todtengräber hatte seinen beiden Ge-fährten eben mehre schauerliche Ereignisse erzählt,welche sich, während er seinem nächtigen Be-rufe als Grabbesorger Vorstand, zugetragenhatten, und worunter freilich so manches lief,welches dem herrschenden Aberglauben in derHansa entsprang, und nun für baare Münzegelten mußte, dem ungeachtet seine volle Wir-kung ans die beiden Zuhörer machte.

Daß es seine Richtigkeit hat/' fuhr dererzählende Todtengräber im Flusse seiner Redefort,daß auch noch den Sünder in seinemGrabe die Znchtruthe der ewigen Gerechtigkeitzu finden weiß, daran ist nicht mehr zu zweifeln,hatten wir doch drüben in der Katharinenkircheeinen offenkundigen Beweis an dem sogenanntenUnverweslichen Grafen," wie ihn die Leutenannten. Du wirst Dich der Geschichte nocherinnern?" fragte er den Küster.

Nicht so ganz," antwortete Falsarius,obwohl ich die'Stelle genau zu finden weiß,an welcher sein Sarg sich befindet."

Erzähle doch" sprach der Leichenbitter,was hat es für eine Bewandniß mit ihm?"

Nun seht," begann Gräber,dieser Un-verwesliche war einmal ein reicher mächtigerGraf, welcher sich ganz und gar einem wüstenund gottlosen Lebenswandel hingab und dadurchseine Eltern in die tiefste Betrübniß setzte.

Vergebens ermahnten ihn diese, die Bahndes Lasters zu verlassen, sein Ohr blieb fürihre Ermahnungen verschlossen, so wie sein Herzfür ihr Flehen.

Unausgesetzt häufte der Mißrathene Ver-brechen auf Verbrechen, so, daß seine Elterneinen Fluch über ihn ausstießen, und endlichaus Grani in die Grube fuhren."

So ist es," bemerkte der Küster,sieliegen Beide hinter dem Hochaltar der Katha-rinenkirche begraben, wo auch ihr Letchensteinzu sehen ist"

Der unnatürliche Sohn aber nahm sichdieses wenig zu Herzen, und lebte nach wie vor,sein Gewissen durch Saus undBraus betäubend.

Nun aber war ein Jahr nach dem Todeseiner Eltern verflossen, so starb auch der Ge-selle eben so unerwartet als plötzlich, und wurdein derselben Kirche, aber in der sogenanntenTodtenkapelle zur Rechten des Einganges bei-gesetzt. Niemand achtete des Verstorbenenweiter, sein Gedächtniß erlosch unter den Leben-den, bis etwa fünfzig Jahre darauf ein zu-fälliges Ereigniß ihn und seine Frevel demVolke wieder in das Gedächtniß rief.

Es geschah nämlich um diese Zeit, daßein Sarg von Leichenräubern erbrochen wurde,welche aber voll Entsetzen über den Anblick dersich ihnen darbot, entflohen, ohne ihren Raubvollführt zu haben.

Sie fanden nämlich den Grafen noch gänz-lich unversehrt, als ob er eben erst in das Grabversenkt worden wäre, doch war sein Haar em-porgesträubt, sein Antlitz wie von tiefem Todes-schmerz verzerrt, und das Auge offen und starr.

Das Gerücht von dieser Erscheinung ver-breitete sich durch ganz Lübeck, und Niemandverließ die Hansestadt ohne den Unverwesbarengesehen zu haben.

Da ergab es sich nun, daß in einer Nachtso wie heute, mein früherer Vorgänger, derTodtengräber vom Katharinenfriedhofe, mit demdamaligen Küster und mehreren Befreundetenbier in der freien Mark saß, wie wir jetzt dasitzen. Sie waren lustig und guter Dinge, undwußten sich besonders groß mit ihrer Uner-schrockenheit zu machen.

Bei allen Todtenschädeln, die unter meinenSpaten kommen," rief mein Vorgänger, dem derGrog bereits stark zusetzte,ich habe schonmanche Probe meines Muthcs gegeben, undwenn ihr zwei Thalerstücke daran setzt, so steigeich jetzt noch in die Katharinengruft hinab, undstecke dieses Messer in den hintersten Sarg.

Pah, das ist nichts," lallte der Küster,ich gehe binüber in die Todtenkapelle, undgieße dem unvergeßlichen Grafen dieses volleGlas in das Maul."

Wettet ihr um drei Drittelstücke," nahmhierauf das Dienstmädchen das Wort,so holeich Euch den Unverweslichen selbst herüber.. "

Du," riefen die Zecher, wie aus einemMunde,haha, Du hast das Herz dazu!"