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2: 1887
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das schönc Haupt, dessen lange, dunkle Locken die reine Stirne lieblich um-rahmten. So stand sie vor dem Kindesmörder, der den Blick ihres Angesnicht zu ertragen vermochte. Voll Reue stürzte er ihr zu Füßen, erzählteihr unter heißen Thränen sein Verbrechen und bat sie um Vergebung undum ihre Fürbitte bei Gott, damit dieser ihm die schwere Schuld vergebenmöchte. Ottiliens Herz durchzuckte bei diesem Bekenntnisse ein tiefer Schmerz;sie war dem Bruder mit der ganzen Liebe einer Schwester zugethan. Alleinbald faßte sie sich, hob den Vater liebevoll von der Erde auf, tröstete ihn,betete mit ihm und linderte so allmälig seinen brennenden Schmerz. Dannzogen Beide in stiller Trauer zur Stammburg zurück, wo es Ottiliens auf-opfernder Liebe gelang, bald auch der Mutter Schmerz über den Verlustihres Sohnes zu lindern.

Nur wenige Monate waren nach diesem Ereignisse verflossen, da be-gann die wunderbare Schönheit der Jungfrau die Aufmerksamkeit der Ritterdes Landes von nah und fern aus sich zu ziehen und viele hochangeseheneJünglinge stellten sich bei dem Herzoge ein, um von ihm die Hand seinerTochter zu begehren. Nach langem Besinnen glaubte Eticho, in einemschönen, jungen und mächtigen Ritter einen seiner Tochter würdigen Bräu-tigam gefunden zu haben und eröffnete eines Tages seinem Kinde, daß erden festen Entschluß gefaßt habe, sie diesem Manne zu verehelichen. Beidieser Botschaft färbten sich die Wangen Ottiliens purpurroth; sie erklärtemit zum Himmel erhobeneni Blicke ihrem Vater mit fester Stimme, daß ihrHerz sich nach keinem irdischen Bräutigam sehne, da es ganz und gar JesuChristo zu eigen sei. Alle Gegenvorstellungen des Vaters blieben vergeblich.Aber so leicht gab sich der stolze Mann nicht gefangen. Als all seinDrängen bei dem engelreinen Kinde nichts fruchtete, schwur er endlich vonZorn entbrannt, daß sie des Ritters Gemahlin werden müßte und wenn ersie selbst mit Gewalt zum Altare führen sollte. Ohne auf die Jungfrauweiter zu achten, setzte er den Tag der Trauung fest.

Ottilie verzagte nicht. Vertrauend auf den, der an ihrer fleckenlosenUnschuld sein innigstes Wohlgefallen hatte, schlich sie in der Nacht vor demzur Trauung bestimmten Tage heimlich aus dem väterlichen Schlosse undeilte weit fort dem Rheinstrome zu, über welchen ein mitleidiger Schiffer siein einem Kahne hinüberführte. Als der Herzog sie am andern Morgen zurTrauung abholen wollte, war sie schon stundenweit von Oberehnheim weg.Da bestieg Eticho, außer sich vor Zorn, sein bestes Roß, setzte, begleitet vondem Ritter, seiner Tochter nach und holte sie im Walde bei Freiburg ein(Siehe Band I, S. 331 ff.). Tödtlicher Schrecken bemächtigte sich Ottiliens,als sie den Vater gewahrte und zugleich vor sich eine hohe Felswand sah,welche ihre Schritte hemmte: sie schien rettungslos verloren. Da wandte siesich mit der ganzen Inbrunst ihren unschuldigen Kinderherzens an Die-jenige, welche die Königin der Reinheit, die Schützerin der Unschuld auf