Druckschrift 
2: 1887
Seite
326
Einzelbild herunterladen
 

— 326 —

aufstehen und sich zur Reise bereit machen. Mit achtzehn gottgeweihtenJungfrauen verließ sie den Disibodenberg; unter diesen Jungfrauen befandsich auch Hiltrudis, eine Tochter des Grafen Meginhard von Sponheim, eineJungfrau von heiligem Wandel und der Meisterin sehr vertraut.

Als sie sich dem Orte ihrer Bestimmung näherten, strömte das Volkvon Bingen und von den Dörfern herbei und empfing sie mit großem Jubel.An der Stelle, wo sie künftig wohnen sollten, stand noch die alte, jetzt wiederrestaurirte Kapelle mit den Gebeinen des h. Rupert. Sie war das einzigeUeberbleibscl jener alten, von den Normannen zerstörten Stadt Bingen, dieeinst an der Stelle von Bingerbrück gelegen.

Der Erzbischof von Mainz schenkte der neuen Stiftung das Mühlen-werth; sodann ward sie durch die Gaben der Gläubigen und reiche Schen-kungen unterstützt.

Es war auf dem öden Rupertsberge fast nichts zu ihrer Aufnahmegeschehen, so daß Hildegard mit ihren geistlichen Töchtern, die von Hause ausan Ueberfluß gewöhnt waren, in größter Dürftigkeit lebte und von denUmwohnern und den eigenen Verwandten viel Tadel zu erfahren hatte; aberbald wendete sich dieses Urtheil zum Bessern und Alle erkannten, welch einenkostbaren Schatz sie in ihr erhalten hatten.

Anfangs war ihre Wohnung sehr beschränkt und unzureichend gewesen,aber durch zahlreiche Geschenke wurden sie bald in Stand gesetzt, die Ge-bäulichkeiten zu erweitern.

Auf dem Rupertsberge wurde Hildegard von schweren körperlichenLeiden heimgesucht und einmal lag sie dreißig Tage lang zwischen Leben undSterben, so daß ihr Fleisch und das Mark in den Knochen fast ganz ver-trockneten. In dieser Zeit wich auch die Kraft des Geistes immer mehr vonihr und sie wurde so hinfällig, daß die Klosterfrauen ihr Verscheiden naheglaubten. Mit großem Jammer umstanden sie die geistlichen Töchter unddie Verwandten. Die Klosterfrauen nahmen sie aus dem Bette und legtensie aus den Boden auf ein Bußgewand.

Da erschien ihr eine unzählbare Schaar von Engeln, wovon einer ihrzurief, daß sie noch nicht sterben werde.

Da sie nun wieder zu Kräften kam, hoben die Klosterfrauen sie vonder Erde aus und legten sie wieder in's Bett. Die Schmerzen dauertenfort und Gott gab ihr in einem Gesichte den Befehl, aus dem Desiboden-berge und an anderen Orten seinen Willen kund zu thun. Sie kam diesemBefehle trotz ihres siechen Körpers und ihrer schmerzhasten Leiden nach. Siewunderte sich selbst, daß sie diese oft sehr beschwerlichen Reisen aushaltenkonnte, ohne auf dem Wege zu unterliegen. Was sie auf ihren Wande-rungen zu predigen und zu offenbaren hatte, ist nicht bekannt geworden.Während dieser Reise hatte sie oft Gesichte und ließ dieselben niederschreiben.

Nachdem sie drei Jahre unter dem Drucke der Krankheit gelitten hatte,