Druckschrift 
2: 1887
Seite
325
Einzelbild herunterladen
 

— 325 —

war und der Papst ließ ihr ein Sendschreiben zugehen, in welchem er sieaufforderte, Alles, was ihr offenbart werde, zu verkündigen.

Die Untersuchung und der Brief des Papstes trugen nicht wenig dazubei, daß sich Hildegardens Ruf in weite Ferne verbreitete. Dadurch wurdenviele Jungfrauen aus adeligem Stande von dem Wunsche erfüllt, unterihrer Leitung zu leben, und der Andrang zu ihrer Klause auf dem Dissi-bodenberge wurde so groß, daß die Räume nicht mehr ausreichten. Schondachten die Bewohnerinnen der Klause an eine Erweiterung derselben, alsder Jungfrau Hildegard im Geiste ein Platz am Zusammenflusse, der Naheund des Rheines, der Berg des- h. Rupert, zum künftigen Wohnsitze ange-wiesen wurde.

An diesem Orte hafteten wegen des h. Rupert, seiner Mutter Berthaund des h. Bekenners Wibert schon heilige Erinnerungen; auch war die Lageviel geeigneter, als der fünf Stunden entfernte Disibodenberg.

Hildegard sträubte sich anfangs gegen die göttliche Anweisung undmachte das Gesicht Niemanden kund; dafür aber mußte sie zur Strafe sogroße körperliche Schwachheit und Schmerzen ausstehen, daß sie sich endlichbequemte, dem Abte davon Mittheilung zu machen. Nun aber widerstrebtendieser, die Benediktiner und das Volk, denn sie wollten eine so ausgezeich-nete Persönlichkeit nicht verlieren und das Volk begriff nicht, warum sichHildegard mit den Schwestern aus einer fruchtbaren und anmuthigen Gegendin eine Oede begeben wollten. Hildegard lag wieder auf dem Krankenbetteund hatte viel zu leiden. Ein gewisser Arnold, der früher Laienbruder ge-wesen und dann Mönch geworden war, widersetzte sich ihrem Umzüge ammeisten, und diesen suchte Gott mit Strafen heim. Als er sich aus dem demKloster Disibodenberg zugehörigen Landgute Wilaca befand, welches nichtweit vom Rupertsberge lag, schwoll ihm die Zunge so sehr an, daß sie nichtmehr Platz im Munde fand und seine Leiden ganz entsetzlich wurden. Daging er in sich und weil er sich durch Sprechen nicht mehr verständlichmachen konnte, so gab er durch Winken zu verstehen, daß mau ihn aus denBerg des h. Rupert bringen möge, welcher der Villa ganz nahe lag. Hiergelobte er, dem Umzüge nicht länger widerstehen, sondern ihn sogar befördernzu wollen; da wurde er sofort gesund.

Hildegard lag unterdessen an allen Gliedern gelähmt auf ihrem Betteund vermochte nicht, sich zu erheben oder auch nur zu bewegen. Sie schickteaber Boten zu dem Erzbischof von Mainz und an die Eigenthümer desBodens auf dem Rupertsberge und erhielt von beiden Seiten die Erlaubnißzur Gründung des neuen Klosters. Nun konnte auch der Abt von Disi-bodenberg nicht länger widerstehen. Er trat zu ihr in die Kammer, wo siein Schmerzen unbeweglich auf ihrem Lager lag und gebot ihr, aufzustehenund sich an den Ort zu begeben, den Gott für sie bestimmt habe.

Da war im Nu alle Schwäche von ihr gewichen und sie konnte sofort