— 171 —
wie auch andere Völker, bei manchen Bäumen, darunter Linden, ein gött-liches Wesen. Bei Einführung des Christenthums wurde nun an dieserStätte ein christliches Gotteshaus, eine Kapelle zu Ehren der h. Jungfrau,der Schutzpatronin des deutschen Ordens, welcher Preußen im 13. Jahr-hundert eroberte und die Christianisirung des Landes in gemeinsamem Wirkenmit den vier preußischen Bischöfen betrieb, aufgebaut. Gleiches geschah inanderen Ländern, indem man gern dem Götzendienst der Heiden den christ-lichen Gottesdienst und besonders die Verehrung der h. Jungfrau, welcheder Schlange den Kopf zertreten, geradezu gegenüberstellte. Der h. Otto,der Apostel der Pommern, bauete im Jahre 1126 zu Stettin an der Stelle,wo ein berühmtes heidnisches Heiligthum gestanden, eine Kirche zu Ehrendes h. Märtyrers Adalbertus, des Apostels von Preußen; eine dort befind-liche mächtige, schattige Eiche, an deren Fuß eine liebliche Quelle strömte,und die dem Volke lieb und theuer war, ließ er bestehen, weil, wie es inseiner Lebensbeschreibung heißt, „das keine Sünde war." Vielmehr soll jaauch die Natur zur Verherrlichuug Gottes und des Gottesdienstes beitragen;auch sie ist ja fähig, der Segnungen der Erlösung theilhaftig zu werden;alles, wie der h. Paulus sagt, wird gesegnet durch das Wort und dasGebet.
Wiederum von anderer Seite ist die Vermuthung aufgestellt worden,die Deutschordensritter hätten im Jahre 1311 über den heidnischen Groß-fürsten von Litthauen, Mitten, einen glänzenden Sieg bei Heiligelinde er-fochten und diesem Ereigniß verdanke die dortige Wallfahrtskirche ihre Ent-stehung in derselben Weise, wie andere Wallfahrtskirchen in Preußen, z. B.die zu Rudau im Samlande, Tannenberg in Masuren, zufolge von Kriegs-ereignissen aufgebaut wurden. Der Großfürst hatte im Frühling 1311 einenverheerenden Einfall in Ermland bis Braunsberg hin gemacht, 1200 bis1300 christliche Frauen und Jungfrauen von da im Triumphzuge mit sichfortgeschleppt; im Heerlager auf der Grenze von Ermland und Barthenland,da, wo man die Landschaft Woplak, d. i. die Rastenburger Gegend betrat,in einer Wildniß angekommen, warf er, um die gefangenen Christen zuhöhnen, das aus einem geraubten heiligen Gefäß gerissene Sakrament aufdie Erde und trat es mit Füßen. Doch da holten die Ordensritter unterdein Marschall Heinrich von Plotzk den Frevler ein, stürmten das durchHolzverhaue und einen Berg geschützte Heerlager und drängten einen großenTheil der Litthauer in die nahegelegenen Seen. Die Freude der erlöstenFrauen und Jungfrauen war groß. Es wurde auf der Siegesstätte einDankgottesdienst abgehalten für diesen,
seliglichen Tag,
Da all des Landes Heil anlag,wie ein Zeitgenosse jenes Ereignisses in einem Gedichte singt. Die Lage derOertlichkeiten bei Heiligelinde paßt vollständig auf die Beschreibung, welche