Druckschrift 
2: 1887
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das Wasser trübe, sobald man das erste Mal auS dem Brünnlein geschöpfthatte, so starb das Kind; blieb das Wasser aber klar, so kehrten die Kinderzur vorigen Gesundheit wieder zurück. Doch im Jahre 1595 vertrocknetedas Brünnlein (jedenfalls dadurch leicht erklärlich, daß große Strecken Waldesgefällt und zu Ackerland umgebaut wurden). Die Erinnerung an diese Quelleist unter den Leuten noch nicht verwischt, indem noch immer bei vorkommendenGeburten den Kindern gegenüber die Rede gebräuchlich ist, das Brüderchenoder Schwesterchen sei aus dem Brünnlein bei der Holzkirche geholt.

Mögen demnach auch die wunderbaren Heilungen aus der Quelle dieVeranlassung zu den Wallfahrten gewesen sein, so unterblieben doch auchspäter, als das Brünnlein vertrocknet war, die Wallfahrten nicht. Als nachdem dreißigjährigen Kriege die verfallene Kapelle wieder hergestellt und durchden Anbau des Schiffes (1681) erweitert war, scheint der Zudrang derGläubigen stets gewachsen zu sein. Dies läßt sich schließen aus den reich-lichen Opfern an Geld, Wachs, Hühnern, Eiern, Butter u. s. w., die nacheinem Schreiben vom 14. September 1716 an die Kapelle fielen. DerAblaß, den Papst Pius VI. am 4. August 1797 für das Fest der Heiligender Kirche in Müdesheim ertheilte, konnte nur beitragen, die Wallfahrt nochmehr zu heben. Da aber im Anfange dieses Jahrhunderts durch die Ver-ordnung der k. bayerischen Regierung die Andachten in solchen Nebenkirchenabgestellt und solche Kapellen geschloffen wurden, so unterlag auch unsereKapelle diesem Schicksale. Doch später wurde auch die äußere und öffentlicheVerehrung der Heiligen und die Feierlichkeit der Wallfahrt wieder erhöht,indem seit dem Jahre 1856 eine eigene Prozession mit dem Allerheiligstenvon der Pfarrei Müdesheim aus auf die Kapelle zog und zwar am Sonn-tage nach Mariä Himmelfahrt. Doch seit etwa 20 Jahren ziehen keineförmlichen Prozessionen mehr auf die Kapelle, sondern die Gläubigen derganzen Gegend besuchen (namentlich am Feste der Heiligen, am Sonntagnach Mariä Himmelfahrt) einzeln oder gruppenweise die Kapelle unter Ab-betung der Stationen an den aus Stein gefertigten Stationsbildern auf demWege zur Kapelle. Daß die Gläubigen oftmalige Heilungen und Gebets-erhörungen der h. Radegundis zuschreiben, beweisen viele Votivbilder undOpfergaben an Kerzen und Wachsfiguren.

Die Kapelle selbst ist 12 Meter lang und 6'/z Meter breit. Zeichnetsie sich auch nicht aus durch Größe und Pracht des Baues, so ist sie doch,nachdem sie vor einigen Jahren im Innern restaurirt wurde, eine einladendeund beliebte Stätte, um fern von dem Lärm der Geschäfte im Gebete vonGott und der h. Patronin Trost und Hülfe in allen Anliegen zu erflehen.

Es finden sich in der Kapelle zwei Darstellungen der Heiligen undzwar an dem Hochaltar: das Altarbild (Oelgemälde aus neuer Zeit), dar-stellend die h. Klosterfrau stehend, mit einer Kreuzpartikel in der Linken, dierechte Hand mit dem Evangelienbuch an die Brust gelegt, die Krone und