A. Historische Dichtung 705
tigsten Abscheu beim Leser zu erwecken. Um die Anschaulichkeit zu er-höhen, hat er einem jeden der 51 Abschnitte, in die die Dichtung zerfällt,ein blattgroßes koloriertes Bild beigegeben, das dem Texte des betreffendenAbschnitts ungefähr entspricht. Diese Teilung in Abschnitte ist dem Ganzenaber nicht zugute gekommen, denn die Dichtung ist dadurch an vielenStellen zusammenhangslos geworden, und es scheint, daß Petrus rechthäufig nur seiner augenblicklichen Eingebung, aber nicht einer festen Dis-position folgt. So macht es einen recht sonderbaren Eindruck, wenn eraus Haß gegen Tankred diesen einen gekrönten Affen, eine Fehlgeburt undeinen Embryo nennt und sich Vs. 216 ff. von dem Salernitaner Arzte Urso 1einen Vortrag über die Ursache von Fehlgeburten halten läßt, der dies aneinem Schafe demonstriert. Das Gedicht beginnt mit der Erhebung Rogers II.zum Könige von Sizilien, dessen Tochter Konstanze sich mit Heinrich VI.vermählte, und schildert dann die Unruhen, die sich nach Wilhelms II.Tode über das Reich ausbreiteten, das von Tankred, dem Grafen Rogervon Andria und Heinrich VI. beansprucht wurde. Den Thronstreit selberstellt dann Petrus eingehend dar, und er zeigt sich hier vielfach besser unter-richtet als andre Quellen, verfolgt aber die Partei Tankreds, namentlichden Kanzler Matthäus, mit bitterem Hasse. Merkwürdig ist seine Partei-stellung, da er als Italiener offen für Heinrich VI. schwärmt und von demGedanken des staufischen Weltkaisertums ganz durchdrungen ist. Manchesbleibt allerdings in seiner Darstellung höchst zweifelhaft. Er hat sein Werkin drei nach der Ausdehnung sehr ungleiche Bücher geteilt, deren zweitesmit der Geburt Friedrichs II. — Vs. 1378 nennt ihn Petrus mit den Doppel-namen Roger und Friedrich, die der Knabe auch wirklich erhielt—und einemLoblied auf den Knaben endet, während das dritte ganz dem Ruhm undPreise des Kaisers gewidmet ist. 2 Die Abfassung der zwei ersten Bücherfällt in die Zeit von Dezember 1194 bis April 1195 und das dritte ist 1196vollendet.
Bezüglich der formalen Seite sei bemerkt, daß Petrus die Bildung derdamaligen Zeit beherrscht, wie er ja auch gleichsam als schützende Heroenfür seine Dichtung in dem Bilde auf Blatt 2 Vergil, Lucan und Ovid mit denVersen Georg. 2, 490, Catonis Dist. 2 prol. 5 und Ovid. Amat. 3, 653 an-bringt. So benutzt er auch mehrere von den Schuldichtern reichlich, zudenen sich hier noch Fortunatus gesellt. 3 Auch zeigt sich vielfach die Nei-gung zu rhetorischer Darstellung, 4 und Wortspiele 5 sowie Wiederholungen 6sind häufig. Epische Vergleiche finden sich zuweilen gehäuft 7 und auch die
1 Ursus oder Urso war in jener Zeit ein be- 2 Vs. 1633—1640 findet sich ein Akrosti-
rühmter Arzt zu Salerno, vgl. Renzi, Stör. chon auf den Namen Henrieus.
documentata d. scuola medica di Salerno 2 3 Das hat G. B. Siragusa in den Noten
S. 335 f und Collectio Salernitana 1, 242 ff. seiner Ausgabe dargetan. Nicht erwähnt
Erwähnt bei Aegidius Corbol. de urinis 343 wurde hier, daß Vs. 488 Alter in alterius
(ed. Choulant, Aeg. Corb. carm.med.p.18) iactabant lumina vultus fast identisch mit
und De compositmed. 1,121—125 (ib.p.52). Karolus Magnus et Leo papa 511 [A.i.a.
Ursonis afforismi erwähnt bei Richard von configunt l. v.) ist.
Fournival, in Oxford 1439 und in Leicester 4 Vgl. 17 ff. 46—55. 57—81. 819ff.
s.XV, eine Summa de effectibus qualita- 6 Vgl. 19f. 23f. 123.
tum in der Sorbonne s. XIV. Die Aphoris- 6 625—635. 651—661.
men im Monac. 7971 s. XIV f. 116—143. ' Vgl. 834. 837. 851. 1039f. 1043f. 1101 f.
H. i. A. IX 2, 3 45