702 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
Zahl einzelner Abschnitte, die stets ihre Überschrift besitzen; diese Über-schriften sind mehrfach für das Verständnis des Gedichts durchaus nötigda sich in ihnen Angaben finden, die im eigentlichen Texte fehlen. Daß derVerfasser selbst an der Belagerung teilnahm, ist sicher, da er stets von„wir" und von den „unseren" spricht und vor allem eine Menge kleinerZüge einflicht, die er selbst erlebt hat; sie betreffen persönliche Erlebnisseund Leiden aus der Schreckenszeit der Belagerung. Aber er berichtet auchdaß ihm von andrer Seite Nachrichten zugeflossen sind, und da er die mei-sten wichtigeren Geschehnisse genau datiert, so macht das Gedicht denEindruck der wirklichen historischen Treue.
Es beginnt mit dem Aufenthalt Urbans III. zu Verona und mit SaladinsAngriff auf Syrien, wobei Tiberias und Askalon von diesem erobert wurden.Der Dichter schildert dann den Eintritt Philipps II. August und Richardssowie Friedrichs I. in den Krieg; später (Vs. 301—332) wird auch der un-glückliche Tod des Kaisers eingehend beklagt. Besondere Ehrfurcht wirdübrigens den Fürsten nicht gezollt und auch keine der christlichen Nationenerhält besonderes Lob, höchstens daß Vs. 539 die Tapferkeit der Deutschengerühmt wird, 1 während Vs. 337—344 ihre in dem heißen Klima so gefähr-liche Eßbegier mit echt italienischer Kritik an den Pranger gestellt wird. 2Hungersnot und Teuerung spielen in dem Gedicht eine große Rolle, wie dieAngabe Vs. 165, daß eine Henne zehn Solidi, ein Ei drei Nummi 3 und eben-soviel das zum Eikochen nötige Holz gekostet. Oder Vs.469f., daß derDichter für einen kleinen Scheffel Mehl drei Pfund Anjouer Münze gab,wo auch Vs.473 die Angabe interessant ist, daß, als die Barone die Preisefür die Lebensmittel herabsetzten, plötzlich keine solchen mehr zu habenwaren, sondern aus den Fußböden der Häuser ausgegraben werden mußten,wo sie von den Händlern verborgen gehalten wurden. Auch schildert derDichter ziemlich ausführlich Vs. 713—724 die Teuerung, die kurz vor demEintreffen Philipps II. vor Akkon ausgebrochen war: man zahlte für denScheffel Mehl 94 Aurei, der Scheffel Getreide galt 60, Gerste 40 und Kleiesieben Aurei, und als die Getreideschiffe kamen, galt jeder Scheffel nur zweiAurei; dazu kostete jeder Apfel drei Solidi, zwanzig kleine Nüsse einen Denar,und für die gleiche Münze erhielt man sieben Feigen oder zehn Pflaumenund Mandeln. Häufig kommt der Verfasser auch auf das griechische Feuerzu sprechen, dessen furchtbare Gewalt Vs. 445—460 verwünscht wird.Das schrecklichste Bild wird allerdings von der christlichen Goldgier ent-rollt, die nach dem großen Türkenmord Saladins die grausamsten Formenannahm (Vs. 865—876). Der Hauptinhalt des Gedichts scheint übrigensnach einem Tagebuche des Verfassers gegeben zu sein, da es ziemlich gleich-mäßig fortschreitet und nirgends größere Exkurse besitzt. Es ist leicht ver-ständlich, da die Sprache des Dichters einfach 4 und ungezwungen und die
1 So auch Vs. 741 ff. die Tapferkeit Ri- l Vs. 155 Non mihi tunc sornnia diclabatchards I. Parnasus nach Pers. prol. 2. Vs. 561 Nocte
2 Hier heißt es Vs. 338 Non attendens regu- pluit integra nee mane sequente Redeunt spec-lam hie aphorismorum, nämlich des Hippo- tacula nach dem Vers aus Donats Vita Ver-krates; sie vernachlässigten also jede Diä- gili, Anth. lat. 256,1.146 Bachanalis (= /»-tetik. riosus) Africus.
3 d. h. wohl Denarii.