698 Vierter Abschnitt. Die Dichtung
22. SOLIMARIUS UND LIGURINUS
Wahrscheinlich aus dem Gebiete des Basler Sprengeis stammte einer derbedeutendsten episch-historischen Dichter der hohenstaufischen Zeit, dessenNamen uns unbekannt ist, da die angestrengten Versuche Pannenborgs ihnmit Günther von Pairis zu identifizieren, nicht gelungen sind. Vielleicht hatteer in Frankreich studiert, und da seine Kenntnisse in der Grammatik 1 sehrausgebreitet waren, so wurde er Lehrer des Prinzen Konrad, des drittenSohnes Kaiser Friedrichs I. Doch scheint er eine höhere geistliche Stelle nichterhalten zu haben, denn bei Gelegenheit der Ketzerei Arnolds von Bresciagibt er Ligur. 3, 279ff. 2 deutlich zu erkennen, daß er dessen Lehre über dieNotwendigkeit sittlicher Reformen des Klerus durchaus zustimmt, und ananderer Stelle Ligur. 6, 263 f. richtet er scharfe Worte gegen die römischeHabsucht, was beides mehr den niederen Kleriker erkennen läßt. Jedenfallshat er aber durch die Widmungen seiner Gedichte an das Kaiserhaus eineErhebung zu höherer Stellung erhofft, 3 was aber wohl nicht eingetreten ist. 4Sein Aufenthalt am Hofe verschaffte ihm einen genauen Einblick in dieVerhältnisse der kaiserlichen Familie und brachte ihn auch nach Italien,dessen Städte von Como bis Rom er besucht haben muß, 5 wie sich aus demLigurinus deutlich ergibt. Dagegen treten die deutschen Städte in diesemGedicht stark zurück, doch weiß er aus seiner alemannischen Heimat zuerzählen, daß die Ketzerei Arnolds von Brescia sich im Züricher Landebis in die Gegenwart erhielt. 6 Der Dichter ist mit zwei Werken hervorge-treten, dem Solimarius 7 und dem Ligurinus, an dessen Anfang er von derMöglichkeit spricht, daß er einst auch die Taten Heinrichs in einem Gedichtbesingen werde, wenn er das Leben habe und bei dem künftigen KaiserGnaden finden werde.
Zeugnisse. Zur Heimat des Dichters vgl. J. Schwarz, Der Ligurinus (Freiburg 1911)S. 218f.; seine Abkunft war nicht eben hoch nach Lig. 10, 619 nos nominis alti Nonsumus, egregios vix suscipit aula poetas. Zum Studium in Frankreich vgl. Schwarz S.219.Zur deutschen Abkunft vgl. Lig. 1, 439 a nostro secessit Gallia regno, 553 Curia nostra;8, 483 Quae noster vulgavit Otho, 8, 349 nostris . . . castris. Die Kenntnisse ergeben sichaus der Sprache und Form der beiden Gedichte. Lehrer Konrads Lig. 10, 649 Quem(sc. Solimarium) prius ingenuo dedimus leve munus alumno und 1, 85ff. 15ff. Zur Be-urteilung von Arnolds Lehre Lig. 3, 286 Veraque multa quidem, nisi tempora nostra fidelesRespuerent monitus, falsis admixta monebat; gegen Rom 6, 263 His preter solitum censusingentis amorem, Quo Romana suos inflammat curia cives. Zur Vertrautheit mit den Ver-hältnissen des Kaiserhauses vgl. Schwarz S. 222. Zur Berührung von deutschen Ge-genden vgl. 1, 378—394 die anschauliche Schilderung von Main, Rhein und Mosel sowie1, 415—435 die Beschreibung der Bäder von Aachen. Zu Zürich vgl. Lig. 3, 307 NobileTuregum . . . Servat adhuc uvae gustum gens illa paternae. Zum Versprechen, die TatenHeinrichs besingen zu wollen, vgl. Lig. 1, 60 Fortassis et ista Indolis acta tuae, quaequeipse sequentibus annis Adicies virtute tua, modo vivere detur Et sceptris placuisse tuis,Henrice, canemus.
a) Solimarius. Dieses Epos ist zwischen 1180 und 1186 verfaßt unddem um 1168 gebornen Prinzen Konrad gewidmet. Der Verfasser benutztehierzu die Hist. Hierosolymitana des Robertus Remensis, die er in Hexa-
1 Im weitesten mittelalterlichen Sinne ge- 4 Vgl. Ligur. 1,14f. 10, 648.nommen. 5 Vgl. Jos. Schwarz a. a. 0. S. 213ff.
2 Guntheri poetae Ligurinus ed. C. G. 6 Ligur. 3, 305—312 p. 61.
Dümge (Heidelberg 1812) p. 60f. 7 So und nicht Solymarius in der Ed. pnn-
3 Vgl. Jos. Schwarz, Der Ligurinus ceps fol. A I und LV (Lig. 1,14 und 10,S. 222ff. 648).