6l3 WIENBARG
das erste Heft der mit so viel unbeabsichtigter Reklame ins Lebentretenden Zeitschrift erscheinen sollte, sah Gutzkow im MannheimerGefängnis, die Bücher der Jungdeutschen von Preußen allesamt ver-boten, Wienbarg von der Frankfurter Behörde ausgewiesen und allesin einer wilden und ratlosen Auflösung, was mit so viel Energie undehrlichem Wollen vorbereitet war. Am 17. November hatte Wienbarggegen seine Ausweisung protestiert und wenigstens um einige WochenAufschub gebeten; am 24. November lehnte der Frankfurter Senatdies Gesuch ohne weitere Begründung ab. Wienbarg wollte nun nachHeidelberg gehen, um dort einen deutschen Sittenroman „JohannesKüchlein", zum Teil eine Autobiographie, zu vollenden, den er am24. November bereits einem Verleger anbot; aber am selben Tag er-ließ Baden eine Generalverfügung gegen die Schriften des „JungenDeutschlands", wobei auf Wienbargs „Wanderungen" besonders ver-wiesen wurde, und wenige Tage später nahmen die badischen BehördenGutzkow in Haft. Heidelberg bot demnach auch keine sichere Zu-flucht. An einem herbstkalten regnerischen Novembernachmittagwanderte also Wienbarg auf Mainz zu. „Abends traf ich in Hochheim",so erzählte er fünfzehn Jahre später, „in dem Gasthause, wo ich über-nachten wollte, eine Gesellschaft von Ortsgästen, mit denen ich baldin freundliche Unterhaltung gerieth. Der Gasthalter, ein alter Mannmit silbernem Hauptschmuck, legte mir sein Fremdenbuch vor, mitdem Gesuche, meinen Namen einzuzeichnen. Kaum war diese Her-kömmlichkeit abgemacht, als Einer nach dem Andern sich aus demZimmer entfernte. Vielleicht entdeckte der Wirth ein Zeichen der Be-fremdung darüber auf meinem Gesicht, denn er kam auf mich zu undsagte mit herzlichem Händedruck: nehmen Sie ihnen das nicht übel,Herr Doktor! Es sind junge Beamte, die ihre Carriere zu machenhaben, und alleweile geht es bei uns in Nassau derartig her, daß diegeringste Verdächtigung und die grundloseste Angabe sie unglücklichmachen kann. Wir erleben alle Tage, daß Leute wegen eiues im Wirts-haus gesprochenen Wortes Nachts aus dem Bett geholt und eingestecktworden sind. Keiner traut mehr dem Andern. Es ist eine nieder-trächtige Wirtschaft, die jeden Redlichen erbittern muß." Als Wien-barg am andern Morgen seine Zeche zahlen wollte, bot ihm der Wirtsogar als freies Asyl sein Haus an, solange er bleiben wolle. Nach demVorfall am Abend konnte der Flüchtling darauf nicht eingehen, ohneseinen Gastgeber zu schädigen. Er wanderte weiter nach Mainz. Vonhier verwies ihn der Festungskommandant, obwohl der Zivilgouver-neur, Präsident v. Lichtenstein, sich in humanster Weise für ihn ver-wendete. Seine nächste Zuflucht fand er in Nieder-Ingelheim; seineErklärung, weiterhin nur der Gewalt weichen zu wollen, verschaffteihm wenigstens einige Wochen Frist, die er in der Familie des Post-meisters Glöckle verlebte. Hier, im Angesicht der Berge des Rhein-