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1 (1924)
Seite
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SUDERMANN 588

würde der Beruf eines Dichters zum wahren Kinderspott.'' — Heiligen-stadt auf dem Eichsfelde fühlte sich gleichwohl auch berufen, seinemNamen durch Verbot des Stückes Ehre zu machen. — In Leipzig, woEmil Meßthalers „Theater der Modernen" unter andern Werken derliterarischen Jugend auch „Sodoms Ende" im Kristallpalast mit gro-ßem Erfolg aufführte, machte die altvaterische Kritik UngeheuernLärm, vor allen Pro'fessor Karl Biedermann, der Redakteur der Brock-hausschen „Deutschen Allgemeinen Zeitung" (vgl. darüber „Gesell-schaft" 1894 II, 666 ff.). — In München wurde demselben Ensembledie Aufführung des Stückes im Volkstheater verboten; schon vorherwar das Gärtnertheater ebenfalls vergeblich um die Erlaubnis einge-kommen. Der dortige „Akademisch-dramatische Verein" hatte es da-her in „geschlossener" Vorstellung herausgebracht (vgl. Münchener„Allgemeine Zeitung" vom 17. Mai 1894). Die Münchener Polizeistieß sich jedenfalls an die sentimentale Reminiszenz Willy Janikows:„Die holden Münchener Mädel, so unschuldig und so lasterhaft!" —Den Vogel aber schoß Wien ab, das Sudermanns Text genau so zen-surierte, wie das ein Jahrhundert zuvor der alte Zensor Hägelin aufGrund seines Zensurkatechismus getan haben würde. Ausdrücke wieGott, Sünde, Beichtvater usw. wurden erbarmungslos gestrichen, dasverlangte die religiöse Zensur; die politische forderte die Unter-drückung von Namen wie Bismarck, Bleichröder, nicht einmal der„Majestät" des Witzes durfte Dr. Weiße spotten; und schließlich er-folgte noch eine gründliche sittliche Reinigung, von der das „Magazinfür Literatur" (1892, Nr. 9 vom 27. Februar) berichtet: „Daß einMaler auf seinem Gemälde ,im Fleische schwelgen' kann, findet derWiener Zensor empörend. Er würde Rubens als Erzieher nicht an-erkennen. Daß der Mann am Weibe zugrunde gehen kann, wünschter zu verheimlichen; ja daß jemand die ,Fleisch gewordene Imperti-nenz' sein soll, findet er schon unerlaubt fleischlich. Die naturhisto-rischen Tatsachen, daß aus manchen Ehen in jedem Jahre ein Kindentsproßt, und daß ein Busen rund ist, unterdrückt der Zensor mit der-selben Entrüstung wie die soziale Tatsache, daß mancher Börsianer,sich mit Dirnen umhertreibt'. Ja, sein leicht verletzliches Gefühlsträubt sich gegen den Satz: ,Ist Ihr Leben nicht immer eins gebliebenmit dem, was das Natürliche von uns verlangt?' Wenigstens muß hierdas böse Wort ,Natürliche' gestrichen werden." Mit diesen religiösen,politischen und sittlichen Verbesserungen wurde das Stück dem „Deut-schen Volkstheater" freigegeben! — Und um noch einen Sprung indie jüngste Vergangenheit zu tun: noch während des Weltkriegeswurde 1916 „Sodoms Ende" in Hannover verboten, weil nach der An-sicht des dortigen Polizeipräsidenten „der Schluß des Stückes, deranscheinend eine versöhnende Wirkung und gewissermaßen durch denTod des Helden eine Art ausgleichende Gerechtigkeit bedeuten soll,