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Nanni die Titelheldin Angela mit brünstigen Küssen bedeckt; ihret-wegen wurde Nr. 163 des „Tageblatts" beschlagnahmt. Sodann eineStelle im 31. Kapitel, wo Angela sich im Schneesturm verirrt, vondem Geliebten aufgefunden und wieder ins Leben zurückgerufen wird.Während die Buchausgabe in jener ersten Szene noch jetzt mit demlext des Zeitungsdrucks durchaus übereinstimmt, hat Spielhagenoffenbar selbst in der zweiten Stelle das Anstößige später weggeschafft:die wieder erwachende Angela fühlt nicht mehr die Hand des Mannesauf ihrem „nackten Busen", sondern nur auf „ihrer Brust". Dieseskleine Opfer hat also Spielhagen der Prüderie des Staatsanwaltsgebracht.

Der Fall Spielhagen ist leider typisch geworden für das Verhalten derstreitenden Parteien. Es ist jedermanns Recht, etwas für unsittlich zuhalten; von diesem Recht haben selbst die Gebrauch gemacht, dereneigenem Schaffen der Vorwurf der Unsittlichkeit nicht erspart blieb.Man denke z. B. an die Kritik Schillers über Bürgers Gedichte, oder andas übliche Urteil älterer Generationen über den literarischen SturmUnd Drang neuer Jugend von Urvaters Zeiten bis zur Gegenwart. AberSchüler verstieg sich nicht zu der Forderung, Gedichte wie die Bürgersmüßten verboten und ihr Verfasser dem Gericht überliefert werden, undBürger, der unter jener Kritik schwer gelitten hat, wehrte sich zwargegen Mißdeutungen, ließ es sich aber nicht beifallen, nun Schillers•>unsaubere Phantasie" zu verdächtigen. Auch für Schiller war das Sitt-liche ein ästhetischer, kein polizeilicher Begriff, ihr Kampf hielt sich da-her in den Grenzen streng literarischer Polemik, und dem Angegriffenenv or allem lag daran, durch die Art seines Widerspruchs „ein Beispielaufzustellen, wie gelehrte Ehrenkämpfe geführt werden müssen". Dieerbitterte Konkurrenz der modernen Presse hat dieses Beispiel immermehr in Vergessenheit gebracht.

STIRNER, MAX (KASPAR SCHMIDT, 1806—1856).

Die verschiedenartige Praxis der vormärzlichen Zensur und ihrerBücherverbote in Preußen und Sachsen führte zu zahlreichen diplo-matischen Kontroversen, deren lange Kette sich wie ein roter Fadendurch alle Zensurakten hindurchzieht. Als Zentrale des deutschenBuchhandels verfocht Sachsen, dessen Druckereien sich an verbotenerLiteratur mästeten, durchweg das wirtschaftliche Prinzip, eine seinerHauptindustrien nur dann zu lähmen, wenn ein eng partikularistischerNachteil zu befürchten war oder die Entrüstung des Bundestags odereinzelner mächtiger Bundesstaaten schlechterdings ein Opfer forderte.In diese rein merkantile Auffassung konnte sich der preußische Bureau-kratismus mit seinem strengen, oft durchaus selbstlosen Festhalten andem Begriff des Unerlaubten und Gefährlichen nur selten finden; sokam es vielfach zu gereizten Auseinandersetzungen zwischen beiden

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