INDEX LIBRORUM PROHIBITORUM 456
zu verstärken: man ließ die Verzeichnisse der verbotenen Bücherdrucken. Daraus erwuchs eine umfangreiche Spezialliteratur, so daßfür den Bibliographen der Gedanke nahe lag, nun wieder einen Katalog"solcher Indices zusammenzustellen. Das tat J. Petzholdt in sei-nem Büchlein „Gatalogus Jndicis librorum prohibitorum et expur-gandorum'" (Dresdae, 1859). Aus seiner Zusammenstellung ergibt sich,daß der erste Index librorum prohibitorum im Jahre 1510 auf Befehlder „Keyserlycken Majesteyt" zu Löwen das Licht der Welt erblickte,und daß sich alle damaligen europäischen Großstaaten die nützlicheErfindung bald zu eigen machten. England gab 1526 einen erstensolchen Index heraus, dem zahlreiche weitere folgten. In Italien gingder Magistrat von Lucca, allerdings unter dem Einfluß der römischenInquisition, 1545 voran. Im Zeitalter der Reformationskämpfe, demalle Mittel der Gewalt willkommen waren, ergab es sich von selbst,daß der Hauptzweck dieser Indices die Ausrottung theologischer Streit-schriften war, je nach dem Bekenntnis des unumschränkt regierendenLandesherrn. Bei der damaligen Machtverteilung mußte die protestan-tische Literatur das eigentliche Opfer sein, aber auch der Protestantis-mus strafte sein Prinzip der freien Forschung Lügen und bediente sich,unter Luthers und Calvins bereitwilliger Zustimmung, der Bücher-verbote. In Frankreich gab 1543 die Theologische Fakultät in Parisden ersten Index heraus. Der gleichzeitige Kampf zwischen Staat undKirche erweiterte, auch bei noch katholischen Fürsten wie Hein-rich VIII. von England, die Bücherverbote nach der politischen Seitehin. Die theologische Bedeutung dieser weltlichen Indices verblaßte,als Papst Paul IV. 1557—59 durch die Inquisition den ersten Indexder römischen Kurie bearbeiten und herausgeben ließ. Er wurde durchdas Tridentinische Konzil revidiert, ergänzt, auch gemildert, und bildetin der endgültigen Fassung von 1564 die Grundlage des römischenIndex bis auf den heutigen Tag. Seitdem hat man sich — geschicht-lich nicht ganz korrekt — daran gewöhnt, unter „Index" den derkatholischen Kirche zu verstehen. Die 1571 begründete Indexkon-gregation sorgte eifrigst für seine Ergänzung, und er erschien in zahl-reichen Ausgaben und Auflagen. Im siebzehnten und achtzehntenJahrhundert trat noch ein besonderer Index der spanischen Inquisitionhinzu. Die neueste Ausgabe des römischen Index besorgte Hilgers(Freiburg, 1904) ; seine umfassende Einleitung über die Geschichte derZensur, wobei er die gründlicheren Vorarbeiten von Reusch („DerIndex der verbotenen Bücher", Bonn, 1885) benutzen konnte, ist mitKritik an Aufbau und Einzelheiten aufzunehmen. Dieser neueste rö-mische Index enthält jedoch nicht alle von der katholischen Kircheverbotenen Bücher, „auch nicht die gefährlichsten", wie der Heraus-geber selbst (S. 68 f.) hervorhebt, sondern nur die seit dem Jahre 1600,also nach der Reformation, in den letzten drei Jahrhunderten von der