Druckschrift 
1 (1924)
Seite
448
Einzelbild herunterladen
 

HEYSE 448

stigen Plaß gegen das Christentum, den er in seinen Romanen undNovellen bekunde, einen „Anlauf genommen, die biblische Geschichtezu verstehen, aber er habe die Tatsachen und Personen völlig „auf denKopf gestellt". Darum „Hände weg! — Die biblische Geschichte sollüberhaupt nicht mehr zum Gegenstand einer dramatischen Aufführung"gemacht werden . . . Die Wirkungen, die von einem .biblischenDrama', auch wenn es in anderem Geiste geschrieben ist, auf den .Zu-schauer' ausgehen, werden heute in der Regel nicht viel wert sein. Sielösen heiligen Ernst in Spiel auf und verwischen die Grenze zwischenevangelischer Geschichte und Phantasiespiel. Das aber ist in unsererkritischen Zeit ein gefährlich Ding, mag es auch in naiveren Jahr-hunderten unbedenklicher gewesen sein." Die preußische Polizei habedaher ganz recht; beschämend sei nur, daß das Stück in Bremen undHamburg aufgeführt worden; das seien „keine Musterstaaten für Preu-ßen, am wenigsten in bezug auf Kunst, Moral und Religion". — Inder „Germania" wunderte sich Paul Lerch (17. März), daß die Polizeinicht auch die Vorlesung verboten habe, das sei doch ein offenkundigerWiderspruch; der „Entrüstungsrummel" der „judo-liberalen Preß- undBildungsclique" könne nur einen „drollig-komischen Eindruck" machen.— Die „Literarische Gesellschaft" in Köln veranstaltete eine Vorlesungschon am 13.; die „Kölnische Zeitung" (14. März) sah in dem Stücknur einen vergeblichen Versuch, die Passionsgeschichte Christi in einedramatische Form zu bringen, aber auf die „theologischen Spitzfindig-keiten" der Berliner Zensurbehörde sei aus der Zuhörerschaft, diedurchaus dem üblichen Theaterpublikum entsprochen habe, niemandgekommen. Die Zensur habe die Geschäfte der bibelstrengen evan-gelischen Orthodoxie betrieben, das schmecke deutlich nach „Ketzer-gericht". Ein religiöses Drama im Sinne der katholischen Theologiesei überhaupt nicht möglich, so lebhaft das von katholischer Seite auchgewünscht werde; in der Mißachtung der Schaubühne aber schießedie protestantische Kirche den Vogel ab. — In Brandenburg, Sprem-berg, Essen, Liegnitz, Kassel usw. machten Schauspieler oder Rezita-toren, die auf „Maria von Magdala" reisten, dieselben Versuche; aufdie vorsichtigen Anfragen der Ortspolizeibehörden konnte Berlinimmer nur antworten, daß Vorlesungen nicht verboten seien.

Aber auch die Theater rührten sich. Der Kieler Schriftstellervereinwagte auf dem Stadttheater eine Aufführung vor geladenen Gästen.Der Oldenburger Großherzog ließ das Stück am Palmsonntag auf demHof- und Landestheater spielen. In Eisenach hatte sich bei der Auf-führung kein Widerspruch gerührt, trotz der „Lutherstadt". InAmerika, wo der Kirchenkongreß das Stück geradezu empfohlen hatte,führte Mrs. Fiske es siegreich über eine ganze Reihe von Bühnen. —Sogar Österreich erwies sich diesmal als wenig bündnisfreudig. InBrunn protestierte zwar der Bischof Bauer, aber ohne Erfolg; eine