HEBBEL 368
nuar 1895) fest, daß „ein bedeutender agitatorischer Erfolg" damit er-zielt worden sei. •— In Rußland war die Übersetzung der „Weber"streng verboten; erst 1904 wurde man nachgiebig und erlaubte demMoskauer „Künstlerischen Theater" die Aufführung („Welt am Mon-tag", 21. November 1904). Es war die Zeit der russischen Niederlagenim Krieg gegen Japan.
Eine Begleiterscheinung der Verbote der „Weber" war, daß dieLiteratur über dieses Werk Hauptmanns schier ins Unermeßliche an-gewachsen ist. Außer den schon in der vorstehenden Darstellungzitierten Aufsätzen sei hier nur auf einige weitere hingewiesen, diedas Oberverwaltungsgericht bei seiner dritten Entscheidung zusammen-stellte, die also gerade für die Zensurfrage beachtlich erschienen:„Deutsche Revue" XX (April 1895), „Nation" (IX, 444. X, 355.XI, 775) und „Zukunft" (V, 360. IX, 45).
HEBBEL, FRIEDRICH (1813—1863).
Hebbel hat sich niemals als einen Märtyrer der Zensur hingestellt.Als er im Herbst 1845 nach Wien kam, machte er sich unter dendortigen Schriftstellern, denen die Klage über den Geistesbann im da-maligen Österreich zum Morgen- und Abendgebet geworden war, baldunbeliebt durch eine Äußerung, die wie ein Lob der Zensur geklungenhatte. Wir lesen sie in seinem Tagebuch vom 10. November 1846:„Für gewisse Leute ist die Censur das größte Glück. Sie können be-haupten, daß nur diese alles Shakespearesche, Schillersche, an ihrenGedanken abschneidet." Wer wie Grillparzer oder Bauernfeld auf dieZensur schimpfte, war natürlich des lärmenden Beifalls des Literatur-pöbels sicher, und mit dem wollte sich Hebbel nicht gemein machen.Er selbst hatte damals schon mancherlei Unbill seitens der Zensur er-fahren, aber er fühlte noch die Kraft eines Simson in seinen Adern,der es schließlich doch gelingen mußte, dies Staatsgebäude rück-ständigen Vorurteils zum Einsturz zu bringen.
Aber dazu reichte auch die Kraft eines Hebbel nicht aus. Schon dieErfahrungen, die er bald darauf in Wien machte, belehrten ihn, daß dieZensur ihre artigen und bescheidenen Schützlinge mit demselbenSchulmeisterbakel traktierte wie die aufsässigen und widerspenstigen,und daß man seinem dichterischen Können zuliebe gewiß keine Aus-nahme von der Regel machte, die klein und groß mit anerkennens-werter Unparteilichkeit mißhandelte. Obgleich er dann 1848 keines-wegs blindfröhlich und kritiklos in das allgemeine Revolutionshurramit einstimmte, verschmähte auch er es nicht, an dem Scheiterhaufen,auf dem damals die Zensur gebraten wurde, seine epigrammatischenLichtlein anzuzünden:
Haltet die Uhr nur an und denkt, nun werd' es nicht Abend;
Stand die Sonne schon still, weil es ein Küster gebot?