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1 (1924)
Seite
343
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343 HAUPTMANN

zunächst eine ausführliche Analyse des Werkes, bei der sie sich viel-fach der Wendungen der Klagebeantwortung bediente und vorwiegenddie aufreizenden Momente hervorhob. Ob das Schauspiel geschicht-lich sei, darauf komme es nicht an, sondern auf die Art und Weise,wie der Weberaufstand verwertet werde. Der Dialektfassung gegen-über, die dem größten Teil des Berliner Publikums unverständlich seinwerde, könne die Berechtigung des Verbots zweifelhaft erscheinen,»icht aber gegenüber der hochdeutschen Fassung, die das DeutscheTheater aufführen wolle. Ursache des Weberelends in HauptmannsStück sei nicht die Einführung der Maschinenarbeit, sondern die ge-wissenlose Habsucht der reichen Arbeitgeber. Selbst Frauen be-geisterten sich für den Kampf mit den Pickelhauben; „eine Luise, beiwelcher nur die Petroleumkanne fehlt, um sie einer neuerlichen fran-zösischen Heldin gleichzustellen, wird zur Ruferin im Streit ... Inschroffem Gegensatz zu den in Wahrung berechtigter Interessen han-delnden und von verzagten zu mutvollen Menschen sich entwickelndenWebern stehen die . . . Träger der öffentlichen Gewalt, da sie sowohlim einzelnen wie im ganzen eine klägliche Rolle spielen". Der Gen-darm, ein „moralisch defekter Mann", sei feige (3. Akt) und findeerst seinen Mut wieder, wenn er in Sicherheit sei. Gendarm undPolizeiverwalter, beide bewaffnet, würden geprügelt, der Helm vomKopf geschlagen, der Säbel zerbrochen; der Landrat, der zwar nichtpersönlich auftrete, sehe der Zerstörung zu, ohne ernsten Einspruchzu wagen. „An dieses, nicht Achtung einflößende, sondern Mitleid er-regende Zerrbild eines Landrats reiht sich das wenig ruhmvolle Auf-treten des Militärs", das von der Bevölkerung, besonders den Frauen,durch Steinwürfe zum Dorf hinausgetrieben werde. Die Behauptungdes Klägers, der Aufstand werde mit Leichtigkeit niedergeschlagen,sei aktenwidrig; „die Ordnung unterliegt, und die Aufständischen siegen.Diejenigen, die behauptet haben, daß Abhilfe des Elends von den Be-hörden nicht zu erwarten sei . . . behalten glänzend recht, der Erfolgist auf ihrer Seite, sie haben Rache an den Bedrückern genommen und•sich an ihren Schätzen, soweit sie dieselben nicht demoliert haben,bereichert. Eine bessere Zeit steht bevor, und schon die Gegenwartbietet Wohlleben. Ein einziger alter Weber, der, sich des besserenLebens im Jenseits getröstend, von Gewalttätigkeiten abgeraten hat...,wird, völlig unschuldig, von einer Soldatenkugel erschossen. Er warein .Gebetbüchlhengst' und mußte, ebenso wie die Fabrikantenräudel,die Betbrüder, die feigen Luder (S. 113 und 39), beim Anbrechen derneuen Zeit von der Schaubühne verschwinden." Wenn Hauptmannmit seinen Sympathien auf der Seite dieses alten Hilse stehe, so habeer das nicht zum Ausdruck gebracht. „Das ganze Schauspiel", solautet der Tenor des Urteils, „charakterisiert sich als ein solches, wel-chem es an jedem versöhnenden Momente fehlt; der Verfasser, indem