315 GUTZKOW
Schauspieler J. B. Baison behielt recht, wenn er am 22. Februar 1841an Gutzkow schrieb: „Patkul wird leider seiner freisinnigen TendenzWegen Ihnen weniger einbringen . . . Patkul, möcht' ich sagen, löst einegegenwärtige Zeitfrage — wenn er überall gerade jetzt gegeben wer-den dürfte, Sie würden der Mann von ganz Deutschland! Aber, duHeber Gott, unsere ängstlichen Regierungen und ,daß die Gewalt auchstets so gute Schergen hat' — die Censur!" In Darmstadt wiederbrachte die Vorliebe für Rußland das Stück auf die großherzoglicheHofbühne. So diente der Dichter als Spielball höfischer Sympathienoder Antipathien. — Einen andern, halb politischen Stoff hatte Gutz-kow schon vor „Patkul" zu bearbeiten begonnen, aber wieder beiseitegelegt; eine edle Fürstenmätresse, eine Gestalt aus der Geschichte despreußischen Königshauses, mußte von vornherein für die ausschlag-gebenden Hofbühnen unmöglich sein. „Gräfin Esther" blieb daherFragment. — Dennoch drängte es den Dichter immer wieder zumhistorischen Drama. Vielleicht, daß sich dem historischen Lustspielgegenüber das grämliche Gesicht der Zensur erheiterte? Auch dieserVersuch brachte eine Enttäuschung, die bitterste wohl, die Gutzkowerlebt hat.
Bei einem Frühlingsaufenthalt in Oberitalien, in Mailand und amCorner See, schrieb er 1843 sem historisches Lustspiel „Zopf undSchwert" ; schon am Neujahrstag 1844 erlebte es in Dresden seineUraufführung. Der Erfolg war durchschlagend, und wenn der vater-ländische Stoff naturgemäß nicht allerorten die gleiche Teilnahmefand, so ist dieses echt deutsche Lustspiel doch bis zum heutigen Tagein Repertoirestück unseres Theaters geblieben. Manche seiner poli-tischen Pointen mögen uns heute etwas überlebt erscheinen — mancheauch haben durch die heutige Weltlage eine neue Aktualität ge-wonnen. Seine zündende Wirkung verdankt das Werk übrigens keines-wegs, wie die Mehrzahl der Gutzkow wenig geneigten Literarhistorikerimmer einer dem andern nachschreibt, diesen politischen Spitzen, dieim Dialog hier und da zutage treten; denn diese Spitzen wurden vorder Aufführung von sorgsamer Zensorhand feinsäuberlich abgefeiltoder auch von Gutzkow selbst beseitigt. Anzüglichkeiten wie: „Be-wegung? Die wird sich in Österreich noch halten lassen !" hätten gevißals Ausdruck reichsdeutscher Stimmung gegen Metternichs Öster-reich im vormärzlichen Parterre jubelnden Beifall gefunden; in Wirk-lichkeit sind sie damals nie, wenigstens nicht auf „maßgebenden Büh-nen", gesprochen worden. Es war auch dem ersten Darsteller des Erb-prinzen, Emil Devrient, der sich um die schnelle Aufführung des Stückesein rühmenswertes Verdienst erwarb, keineswegs leicht geworden, dieBedenken des Dresdener Intendanten v. Lüttichau zu beseitigen. Alsder Dichter im März 1844 persönlich der siebenten Darstellung seinesWerkes in Dresden beiwohnte, sah er, daß eine „Unmasse" der „pikan-