GRILLPARZER 234
„Was nun eine gute Zensur betrifft, so müßte diese die gewöhn-liche Frage: ist dies Werk, ist diese Meinung schädlich oder nichtschädlich ? vor allem so umstellen: ist diese Meinung wahr, oder ist siefalsch? Denn wäre sie wahr und doch schädlich, so mag sich dasjenigeändern, dem das Wahre schädlich ist, denn es ist schlecht, das Wahreaber die Quelle alles Guten. Zum Schutz des Schlechten aber, weil eseinmal besteht, das Wahre und das Gute abhalten, ist der größteFrevel, dessen die menschliche Natur sich teilhaft machen kann.
„Die Zensur soll also nur das Wahre (in Künsten das Schöne, wasnach den verschiedenen Gesichtspunkten eins und dasselbe ist) zu-lassen, das Falsche und Schlechte aber verbieten. Nun frage ich: gibtes nicht ganze Länder, hat es nicht ganze Jahrhunderte gegeben, wonicht e i n Mensch lebte, der das Wahre und das Schöne in allen seinenFormen unter allen Umständen zu erkennen fähig gewesen wäre? Ja,hat, solang' das ganze Menschengeschlecht besteht, nur e i n Manngelebt, der diese Unterscheidungsgabe sich in allen Fällen hätte zu-trauen können? oder auch nur annähernd? Glaubt ihr, die ausgezeich-neten Männer, die man noch allenfalls als Surrogat solcher Schiedleutezugeben könnte, würden, statt selbst das Wahre zu suchen und dasSchöne darzustellen, sich der geisttötenden Mühe unterziehen, die end-losen Akten des wunderlichen Prozesses zu durchlesen, dessen Er-gebnis die Bildung, die Wahrheit ist, um bei jedem prägnanten Fallezu sagen: mir scheint das so, mir scheint das anders, abzuurteilen aberfühle ich mich nicht berufen. Und wenn diese sich zurückgezogenhaben, was bleibt euch übrig, als zu Mietlingen und Lohnknechten zugreifen, die wahr nennen, was bisher für wahr gegolten hat, und falsch,was sie nicht verstehen. Und diesen nun vertraut ihr die köstlichstenGüter der Menschheit an, das Wahre, das Gute, das Schöne?"
„Es kann keine Zensur geben, weil es keine Zen-soren gib t."
Den gleichen Sinn hatte eine poetische Warnung Grillparzers, derSchlußvers eines für Dr. H. Meyers „Gutenberg-Album" 1840 be-stimmten Gedichtes, das aber — von der Zensur beanstandet wurde:
.... Und wenn auch Unkraut wächst,So hütet euch vor Jäten;Ihr könntet im BemühnDie gute Saat zertreten.
(Die vorstehende Übersicht fußt im wesentlichen auf Grillparzerseigenen Äußerungen und den Berichten seiner Zeitgenossen wie L.A. Frankl, Wilh. v. Chezy, der Schauspieler Costenoble und Anschütz,u. a. Sie mußte aber auch kritisch verfahren, denn bei näherer Prü-fung zeigte sich, daß nichts so leicht auf die unsichere Grenze zwischenWahrheit und Dichtung rückt, als die späteren Erinnerungen der